Liebe Sienna ,
es tut mir leid.
Meine erste „Begegnung“ mit dir war in einem Klatschblatt an der Seite von Jude Law. Große Liebe und so. Hat er Sadie nicht wegen Dir verlassen? Oder sie ihn? Egal.
Man sah Dich und dachte: Oh. Hübsch! Aber...was macht die denn? Wo kommt die her? Man las so ein bisschen und erfuhr, dass Jude und Du euch bei den Dreharbeiten zum Film „Alfie“ kennen und lieben gelernt haben. Kann man irgendwo verstehen, so schön wie ihr beide seid. Ein schaler Beigeschmack blieb (er, immerhin lange glücklich verheiratet und Kinder dazu). Dann kam „Alfie“ ins Kino. Ich sah mir das Ding an und ich mochte den Film. Sehr sogar. Und irgendwie verstand man den Jude danach etwas besser. Ja Sienna. Du hast was. Allerdings geriet dieses „Etwas“ bei mir recht schnell durch die zig Trennungen und Wiedervereinigungen mit Jude, die so durch die Klatschspalten geisterten wieder in Vergessenheit. Was blieb war dein hübsches Gesicht und die Tatsache, dass Du Kate Moss in Sachen Fashion den Thron des It-Girls streitig machtest (Das Mit den Leggins nehme ich übrigens Euch beiden bis heute Übel). Dann kam dieser „Casanova“-Film den ich mir trotz Heath Ledger nicht mal zu Ende ansah. Laaaaangweilig. Und euer beiden Leistung fand ich weit unterm Durchschnitt. Daher hast Du durch diesen Film in meinem Hinterkopf irgendwie den Stempel „Schön, aber belanglos/talentlos“) abgekommen. Und Sienna? Brünett ist nicht Deine Farbe. Keine Ahnung ob Du eine echte Blondine bist – aber Schätzchen? Es steht Dir! Bleib dabei.
Irgendwann endete Deine auf und ab Beziehung zu Jude und ich vergaß Dich. Ab und an noch ein Foto mit mehr oder weniger coolem Outfit – das war’s.
Doch dann passierte es. Ich sah den Trailer zu dem Film „Factory Girl“ und der weckte mein Interesse. Du spielst darin die Andy Warhol Muse Edie Sedgwick. Sah gut aus. Stylish, retro, authentisch und hey...Guy Pierce als Andy Warhol.
Gestern Abend kam ich nun dazu, den Film zu sehen und ...was soll ich sagen, liebe Sienna. Es tut mir leid. So leid.
Sienna, du strahlst. Du leuchtest. Den ganzen Film durch, egal ob Du weinst, lachst, schreist oder tanzt. Du bist bezaubernd. Du hast ein Gesicht, das man gerne und stundenlang ansieht, ohne dass es langweilig wird. Und du scheinst nicht zu spielen. Und es sind nicht diese Oscar-Clips, wo jemand theatralisch Rotz und Wasser flennt und man denkt, wow – große Leistung. Deine Leistung, liebe Sienna, sind die leisen Momente. Die, in denen Du einfach stehst und schaust und in denen sich die Last des Lebens, Traurigkeit und Einsamkeit, gemischt mit Unschuld in deinen Augen spiegelt. Die Interviewsequenzen wirken so real, als sähe man ein echtes Interview. Diese kleinen Dinge in deiner Mimik sind es, dieser Augenaufschlag, ein kurzes verziehen des Mundes, die erahnen lassen, dass Du mehr bist, immer mehr warst, als Jude Laws Freundin. Vielleicht wird man eines Tage von Jude Law, als "dem Mann, der damals an Deiner Seite war", sprechen, und nicht umgekehrt. (Der hat bei mir irgendwie seit „Closer“ eh verschissen. Er war einfach zu überzeugend erbärmlich. Pssst. Hey, mal unter uns – er spielt sich da nur selbst, oder?)
Der Film an sich ist nicht überragend, aber schlicht und ergreifend gut. Ein ausgesprochen gelungenes Zeitportrait. Ein Film, der bei mir den Wunsch weckte, mir einen schwarzen Rolli anzuziehen, die Augen schwarz, die Lippen Blassrosa zu schminken und stundenlang David Bowie zu hören. Der es schaffte, dass ich danach sehr lange durchs Netz streifte, auf der Suche nach Infos zu Edie Sedgwick. Dazu ein wunderbarer Guy Pierce, der Andy Warhol als seltsam kaltes, faszinierendes, oberflächliches Alien erscheinen lässt, bei dem manchmal aber doch ein Hauch Menschlichkeit aufblitzt – und ein gigantisch großes, wenn auch irrsinnig zerbrechliches Ego. Und dann ist da noch Hayden Christensen, den ich nie leiden konnte und hier auf einmal als Bob Dylan Verschnitt irrsinnig sexy (und OH SCHRECK! Sogar überzeugend!) finde.
Tjaaa...liebe Sienna. Einen guten Film hast Du da gemacht. Einen sehr guten sogar. Und ich nehme alle Vorurteile, die ich gegen Dich hatte zurück und freue mich auf Deine nächsten Arbeiten. Ich kann es kaum erwarten, Dir wieder zuzusehen.
Alles Gute!
Die Anne


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