Noch kein Thread zum aktuellen Coen-Brothers Film, seh ich das richtig?Nobody in this house is getting a nose job!
Hier im Form scheint er ja bisher nicht so gut angekommen zu sein. War heute im Kino und konnte mir nun auch mal ein Bild von ihm machen: Auch wenn er weder an die Grösse eines Fargo noch an die komödiantische Leistung eines Big Lebowski heran reicht, im Grossen und Ganzen fand ich ihn doch wirklich sehenswert. Wie es der Titel bereits erahnen lässt, geht es in dem Film ein wenig serious-ner zu als in manchen ihrer früheren Werken. Am ehesten ist er wohl noch mit No Country for Old Men zu vergleichen.
Die Geschichte ist eigentlich eine althergebrachte: Der aufrichtige Physikprofessor, dessen Leben in einer Abfolge unkalkulierbarer Ereignisse aus den Fugen gerät, und der sich nach seiner sinnstiftenden Suche für eine Erklärung letztlich an Gott wendet, aber auch dort keine wirkliche Antwort erhält. Anscheinend stellt der Film auch eine Allegorie auf das Buch Hiob aus dem Alten Testament dar, aber dahingehend kenne ich mich jetzt gar nicht aus.
Ort des Geschehens ist eine jüdische Gemeinde irgendwo in einem amerikanischen Vorort. Und der Einblick in diese (fremde) Kultur wird einem Coen-typisch wirklich wunderbar nahe gelegt. Ständig knallen sie einem irgendwelche Fremdwörter an den Kopf und verweisen auf ihre religiösen Zeremonien. Etwas schade fand ich, dass der "Absturz" des Hauptdarstellers ruhig noch etwas drastischer hätte ausfallen können. Soo tief fällt er ja eigentlich gar nicht, oder anders formuliert: Als es erst richtig interessant wurde zu kriseln, war er eigentlich schon fast wieder aus dem Schneider. Ganz wunderbar jedoch, wie stellenweise der Coen-typische derbe Humor aufblitzt, wo das Lachen meist irgendwo im Halse stecken bleibt. In der zweiten Hälfte bedienen sie sich dann einigen wirklich amüsanten "Mindfuck"-Szenen. Eindeutig am gelungensten fand ich die eingestreute Geschichte eines Kieferorthopäden, der in einem seiner Patienten plötzlich eine religiöse Inschrift entdeckt. Fantastisch auch die Szene, wo sich Larry plötzlich in das Haus seiner Nachbarin verliert und es anfängt zu "knistern", aber auch die zugekiffte Bar Mitzwa-Feier - fast schon kultverdächtig!
Jetzt folgt ein wenig meine Interpretation...
Der Film lädt aber auch wunderbar zum Spekulieren ein, indem er den Zuschauer mit vielen offenen Fragen zurück lässt. So beginnt er nicht mit der eigentlichen Handlung, sondern versetzt einen in ein jüdisches Dorf aus der Vergangenheit zurück. Hier wird ein Ehepaar eines nachts von einem ehemaligen Bekannten heimgesucht, der - laut ihr - eigentlich vor einiger Zeit tödlich erkrankt sei. Aus Angst, von einem Geist verflucht zu werden, sticht die Frau ihm in die Brust. Die Eingangsszene deutet bereits auf den Grundton des Films hin, nämlich die Ungewissheit stets als ständig Begleiter des Lebens zu akzeptieren. "Please. Accept the mystery." Das Ehepaar weiss nicht, was mit ihnen geschehen wird, in dem Moment, in dem der Bekannte das Haus wieder verlässt, ist er für sie sowohl tot als auch lebendig (in einer anderen Szene des Films fällt der Verweis auf Schrödingers Katze). Entweder hatten sie tatsächlich einen Geist vor sich, oder einen Menschen aus Fleisch und Blut, der am nächsten Tag möglicherweise irgendwo tot aufgefunden wird.
In der Haupthandlung zeigt sich dies am deutlichsten in der Schlussszene: Larry korrigiert eine Note seines asiatischen Studenten - nach einem Bestechungsgesuch und einem Gerichtsschreiben - von ehemalig "F(ail)" auf "C-". Kurz darauf bekommt er ein Telefonat, es ist sein Arzt, der ihn dringend wegen einiger Röntgenaufnahmen her bittet. Im gleichen Moment erhält die Schule eine Tornado-Warnung; die Schüler sollen sich in den sicheren Keller begeben. Dann endet der Film. Als Zuschauer weiss man nicht, wie die Sache für die Beteiligten ausgehen wird. Hat Larry möglicherweise Krebs? Wird die Schule verwüstet? Aber auch Larry selbst scheint vor einem Rätsel zu stehen. Hätte der Arzt ihm auch angerufen, wenn er die Note nicht manipuliert hätte? Ein Akt des Zufalls, oder versucht tatsächlich eine höhere Macht (Gott?) ihn für seine selbsttrügerische Handlung zu bestrafen? Und manifestiert sie sich schlussendlich in einem plötzlich herannahenden Wirbelsturm? Man weiss es nicht. Aber dieses letzte Bild, die sich verdichtenden Wolken, die Schüler, die auf dem Pausenhof dem Tornado entgegen blicken und der Lehrer, der sich vergeblich darum bemüht, dass Tor zum Keller zu öffnen - hatte für mich eine ungeheure Kraft. Auch wenn ich nicht ganz weiss, was die Coens einem damit sagen wollen, ich fühlte mich - nicht zuletzt wegen seiner surrealen Wirkung - ein wenig an das Ende aus Dürrenmatts Der Tunnel erinnert. Eine Kurzgeschichte, in der ein Zug in einem endlosen Tunnel hineinfährt und die auch ohne Auflösung schliesst:
Was sollen wir nun tun?
[...]
Nichts. Gott ließ uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.



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Werde mir den Film unter diesen Gesichtspunkten wohl auch nochmal ansehen müssen...

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