freude über freude! woody allen haut unermüdlich einen film nach dem anderen raus - ewig soll er leben!
Woody Allens “Midnight in Paris“ [...] intoniert zu aller Gegenwartsmüdigkeit den perfekten Kommentar. Und nach 100 glückshormonausschüttungstauglichen Verzauberungsminuten steht fest: So sanft war Woody Allen noch nie – und noch nie so heiter-melancholisch im Blick auf unser aller unentrinnbare Zeitgenossenschaft. Wobei er seine kaum mehr ironisch gebrochene Mahnung, jeder möge sein eigenes Leben aktiv und selbstbewusst gestalten, geschickt in eine rührend eskapistische Parabel kleidet.
Gil (Owen Wilson) lebt als durchaus erfolgreicher Drehbuchautor in Beverly Hills und fühlt sich doch, verglichen zumindest mit seinem ehrgeizigen Selbstbegriff als Romancier, bloß als “hired hand“ der gefräßigen Traumbedürfnisbefriedigungsmaschine Hollywood.
Auf einer Reise nach Paris mit seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams), bei der unseligerweise auch Inez’ reiche, so konservative wie laute wie strunzdumme Eltern zugegen sind, schwärmt er heftig von jenem Paris der zwanziger Jahre, das Ernest Hemingway später in seinem Erinnerungsbuch “Paris – ein Fest fürs Leben“ verewigte – einem Paris voller amerikanischer Künstler und Buchläden und mittendrin die unsterbliche Salonlöwin und Ersatzmutter Gertrude Stein (Kathy Bates). Bald kommt es zu allerlei Gezänk zwischen Gil und der unerschütterlich bodenständigen Inez, man geht sich auch abends aus dem Weg, und auf einmal ist Gil für die Gegenwart verloren. Oder nur für diese konkrete Gegenwart?
Mitternacht schlägt’s, ein eleganter Very-Oldtimer rollt auf verregnetem Kopfsteinpflaster heran, und schon reist Gil in einer Zeitmaschine – zu Scott und Zelda Fitzgerald, zu Hemingway und Bunuel und Jean Cocteau, zu Picasso und Dali und Man Ray, und Cole Porter ertönt nicht auf alten Schellack-Platten, sondern live. Dass sich Gil zudem prompt in Adriana (Marion Cotillard) verliebt, Picassos und Modiglianis und Braques flatterhafte Muse: Wäre das zu viel verraten?
Im Gegenteil, im steten Wechsel zwischen den Zeitebenen und im Wege gelöstester Vorhersehbarkeit kommt alles so, wie es kommen muss – und der durchaus hingerissene Zuschauer darf hinzufügen: wie es bitteschön auch kommen soll. Denn wer Glück hat, findet auf dem Trödel nicht nur allerhand Tand mit unsterblichem Haltbarkeitsdatum, sondern auch die Liebe fürs Leben.
Mit seiner romantischen Komödie “Midnight in Paris“ hat sich Woody Allen, nach einem ersten Paris-Ausflug in “Alle sagen: I love you“ (1996), für die Dauer eines ganzen Films einen Jugendtraum erfüllt – und ihm vielleicht schon deshalb jeden Bitterstoff entzogen, ohne dass er stattdessen süßlich würde. Wer scharfen Allen’schen Wortwitz sucht, muss sich mit ein paar binnenamerikanischen Politrempeleien zwischen Gil und seinem von Kurt Fuller verkörperten Schwiegervater in spe begnügen.
Die liebenswerte, aber letztlich lächerlich nostalgische Menschensehnsucht, in einer anderen Zeit zu leben: Woody Allen hätte damit seinen Gil zum tumben Einzelgänger machen können, vergesellschaftet sie aber lieber in ein paar köstlich beiläufigen Regieeinfällen. Alles Übersüße wiederum steckt im Schwelgen für den Dekor – und bleibt doch, als Helden- und Zuschauertraum gleichermaßen, so stets als inszeniert gekennzeichnet. Und wer die zarte Brechung partout nicht wahrnehmen will, nun ja, auch er oder sie sei in “Midnight in Paris“ auf das Herzlichste willkommen geheißen.
Ein Weiteres passt zu diesem rundum harmonischen Spätwerk. Mit Owen Wilson hat Woody Allen, nach zuletzt mancherlei angestrengten Versuchen, ein kongeniales Alter Ego für die Rolle des ewig jugendlichen Liebhabers gewonnen – oder sollte man sagen: einen Klon? Wilson spielt den zappeligen, mit seinem angepassten Leben so unfertigen Gil mit perfekter Woody-Allen-Stimme, mit großartig weitaufgerissenen Woody-Allen-Augen, mit umwerfend linkischer Woody-Allen-Körpersprache. Nur alles irgendwie einen Tick langsamer als Woody Allen selbst. Wobei auch das lächelnd restselbstironische Absicht sein könnte: als Blick des 75-Jährigen auf sich selbst.
Jemand vergessen? Richtig, Carla Bruni-Sarkozy. Seit Monaten die People-Magazin-Hauptdarstellerin dieses Films, spielt sie drei kleine, für sich genommen nicht wirklich erwähnenswerte Szenen als Führerin im Musée Rodin. Genauso viele übrigens – oder so wenige – wie die zauberhafte Léa Seydoux. Nur dass Léa Seydoux noch sehr zu Recht zu einem Rollennamen kommt, am Ende des klitzekleinsten, allersüßesten Dialogs in “Midnight in Paris“, ein paar Augenblicke nach Mitternacht ist es schon, und im Regen.
(Quelle: zeit.de)


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