Sehe ich nicht so, halte The Cell für einen guten Film, gerade wegen des visuellen Aspekts, wobei hier ja kein Effektfeuerwerk abgebrannt wird, sondern in den Innenwelt-Sequenzen konsequent Atmosphären aufgebaut und durchgehalten werden. Der Thriller-Plot ist sicherlich zu vernachlässigen und sicher nicht die Stärke des Films. Mir ging's aber gar nicht so sehr um die Gesamtqualität, sondern darum, wie die Motivation dafür aussieht, die Innenwelt einer Figur auf eine ganz bestimmte Weise zu inszenieren. Und da kann ich im Fall von The Cell die Wirkung der Bilder und Klänge ja daran koppeln, in welches Verhältnis sich der Zuschauer zum Killer setzen soll: Er soll verstörend wirken und bedrohlich, man soll ihn nicht einschätzen können, daher die surreale Gestaltung. Aus der Quelle seiner visuellen Einflüsse macht der Film im Übrigen auch keinen Hehl:
Stargher's Room
Dass sich die Darstellung einer Innenwelt offensichtlich an Motiven aus der Bildenden Kunst bedient, spricht für mich nicht gegen die Qualität des Films. Die Frage ist für mich immer, wie die Einflüsse und deren Aufgreifen in den Dienst von a) Story und/oder b) Atmosphäre gestellt werden. Für mich ist der Ankerpunkt der Psyche im The Cell immer klar, der Raum, der hier entworfen wird, ist nur in zweiter Linie ein Handlungsraum, in erster Linie ein Raum audiovisueller Eindrücke, die Atmosphäre erzeugen und indirekt auch die Orientierungslosigkeit und das Getriebensein des Killers und sein merkwürdiges Verhältnis zu Sexualität betonen:
Clip
Ich habe den Satz "Style over Substance" sicher auch schon benutzt, aber eigentlich sagt er nichts aus, weil Filme natürlich einen erheblichen Teil ihrer Substanz gerade über den Stil vermitteln. Die Begriffe sind keine Gegensätze. Das ganze Medium ist technisch und lebt vom Stil. Selbst Filme, die sich einen realistischen Anstrich geben und vermeintlich unstilisiert wirken, haben ja einen Stil. Der ist dann vielleicht besonders nah an unserer Alltagswahrnehmung und -welt oder benutzt Konventionen des Dokumentarfilms, der Stil fällt daher weniger auf oder ist besonders "glaubwürdig". Der Satz erklärt auch überhaupt nicht, was Substanz überhaupt sein soll. Psychologische Tiefe, Komplexität der Handlung, künstlerischer Anspruch, ästhetische Originalität...? Die Handlung einiger meiner Lieblingsfilme lässt sich mit zwei Sätzen zusammenfassen, allerdings zeichnen sich viele durch eine besondere Atmosphäre aus. Ich mag Filme, die mit einem besonderen Stil arbeiten, da darf die Handlung gerne auch in den Hintergrund treten (poste derzeit ja jeden zweiten Tag zu einem Film genau dieser Kategorie: Drive). Brauche nicht unbedingt eine komplexe Handlung.
Aber es gibt ja auch sowas wie eine Substanz des Stils. Dadurch kann ja auch Tiefgang entstehen, wenn der Film auf die stilistisch erzeugten Atmosphären vertraut und ihnen erlaubt, sich zu entfalten. Wenn die Inszenierung so durchdacht ist, dass der Zuschauer emotional durch den Film hindurchfließt, wenn die Atmosphären gut ausdifferenziert sind und Bild und Ton eine Einheit eingehen. Da fällt aber die Beschreibung meist schwer, weil diese Filme direkt in die sinnliche Wahrnehmung eingreifen und teils nur Nuancen manipulieren.
Daher bin ich meist für Style and Substance, oder wenigstens Substance through Style.
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