Hallo liebe Freunde des exotischen Films!
Mein Name ist Long John Silver, ich bin 24 Jahre alt komme aus Hamburg und lese seit geraumer Zeit hier im Forum mit. Heute habe ich endlich die Zeit gefunden mich anzumelden und möchte gleich einmal eine Lanze für den exotischen Film brechen, der leider immer noch von vielen Menschen prinzipiell abgelehnt wird, wobwohl dieses Genre einiges zu bieten hat. Seit zweieinhalb Jahren arbeite ich nun in der Videothek meines besten Freundes in der auch eine eigene Abteilung für den erotisch angehauchten Film zu finden ist. Vor allem im vergangenen Jahr ging der Trend innerhalb des Genres immer mehr zu anspruchsvollen Themen, die auch intellektuell stimulieren. Selbst die Technik unterlag einem enormen Wandel. Die sogenannten Schmuddelfilme oder Pornos, wie sie manchmal abfälligerweise genannt werden, sind im Begriff salonfähig zu werden. Zurecht, wie ich finde.
Erst gestern durfte ich wieder einmal Zeuge eines solchen Meisterwerks werden. Ich würde diesen Film sogar als bisherigen Höhepunkt des laufenden Jahres bezeichnen, ein cineastischer Orgasmus unter der Regie des renommierten Erotik-Regisseurs Brad Armstrong.
"Interview with a Vibrator" beginnt mit einer großartigen Gruppenszene, in der alle wichtigen Charaktere während einer langen Kamerafahrt, die auf jegliche Schnitte verzichtet und an die Eröffnungssequenz von Brian DePalmas "Spiel auf Zeit" erinnert, eingeführt werden. (Negativ fällt hier nur die Beleuchtung auf, die nicht alle Bereiche des Swingerclubs gleichmäßig erfasst.) In dieser Szene wird zugleich der Geschlechtsakt als das vielleicht privateste menschlichte Verhalten mit seiner Durchführung in der Öffentlichkeit kontrastiert, wodurch die inhärente intime Natur des Aktes nicht nur eine Popolarisierung, sondern auch eine Enttabuisierung erfäht. Die beeindruckende Inszenierung dieser Massenszene lässt vergleichbare Momente wie die Anfangssequenz in „Saving Private Ryan“ geradezu wie einen amateurhaften Ejaculatio praecox aussehen.
Im folgenden werden die Einzelpersonen isoliert betrachtet und wir lernen sie näher kennen. Mit geschickt gewählten Einstellungen liefert Regisseur Brad Armstrong eine treffende Momentaufnahme des emotionalen und gleichzeitig auch physischen Durcheinanders, in dem die Hauptfigur, gespielt von Jenna Jameson, steckt. Das Chaos wird durch den schnellen Wechsel zwischen Fokusierung und Entfokusierung zusätzlich herauskristallisiert. Als wolle er den Zuschauer herausfordern, zögert Brad Armstrong den ersten weiblichen Orgasmus immer wieder hinaus, wodurch dieser nach seinem sehnsüchtig erwartetem Einsetzen dann nicht zuletzt durch seine enorme Intensität symbolisch für eine Erlösung aus den diversen verfahrenen Situationen steht, aber in einem übergreifenden Sinne auch die Unterdrückung der Frau in patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen kritisiert. Eine Vertiefung dieses dialektischen Ansatzes geschieht durch den raschen Stellungswechsel zwischen Ritt und Misionarsstellung, auf diesem gesellschaftspolitischen Weg führt Armstrong eine essentielle Frage zurück in das kollektive Bewußtsein: Hat die Bewegung der Emanzipation der Frau hinaus aus der Dicktatur des Mannes über all die Jahre hinweg an Gültigkeit verloren? Bedarf es noch einer „missionarischen Aufklärung“? Oder hat sich die Stellung der Frau schon so weit konsolidiert, dass sie den Mann als Nutztier, als Pferd, missbraucht, ohne dass dieser sich darüber bewusst ist? In dieser Szene kommt auch zum ersten mal der THX-Sound in seiner ganzen brachialen Wut zum Einsatz. Kritik muss sich hier jedoch wieder einmal die deutsche Synchronisation gefallen lassen; die akustische Entladung der aufgestauten Erregung wirkt hier lange nicht so mitreißend und befriedigend wie im Original.
Die gekonnte Verschachtelung der einzelnen Rückblicke im mittleren Akt wirkt in ihrer komplexen Banalität virtuoser als es ein Tarantino je zustande bringen könnte. Hier findet sich auch einer der spannendsten Momente des Films, in dem Asia Carrera unter der Dusche von ihrem Liebesgefährten überrascht wird. Der Vorgang des darauf folgenden Eindringens ruft Erinnerungen an „Psycho“ hervor, in der Janet Leigh unter der Dusche gleichsam "erdolcht" wurde, und man muss sich die Frage stellen, ob Hitchcocks Intentionen damals nicht von der gleichen sexuellen Natur waren. Armstrong schneidet im entscheidenden Moment jedoch weg von der Szenerie und zeigt wie einst Altmeister Hitchcock selbst, dass einen vor allem die Dinge beeindrucken, die man nicht zu Gesicht bekommt, weil sie die eigene Fantasie anregen. In dieser Szene darf auch Schauspieler Vince Voyeur, der in XXX-Men als animalischer Vulvarine die Schatzkästen der Frauen im Sturm eroberte, erstmals seine wahren schauspielerischen Qualitäten zeigen.
Das großartig gefilmte letzte Mal des Protagonisten und die anschließende Sterbeszene gehören warscheinlich zu den beeindruckensten Filmminuten in der Geschichte der Erotik. Man wird als Zuschauer regelrecht in das Geschehen hineingezogen und hat fast das Gefühl selbst in Jenna un die damit verbundenen Probleme einzudringen. In ästhetisch wertvollen Bildkompositionen zeigt uns der Regisseur Penetrationen, wie es sie in dieser Tiefe vorher nicht gegeben hat. Allein der Beginn des Szenarios sucht im gesamten Genre seinesgleichen: Die Überblendung von einem kräftigen Baumstamm zum erigierten Glied des Hauptdarstellers, ein Kunstgriff, der Kubricks Überblendung vom Knochen zum Raumschiff in "2001" im Vergleich wie den kläglichen Trick eines dummen Schuljungen wirken lässt. Baum und Geschlechtsteil symbolisieren hier die Fruchtbarkeit, gleichzeitig lässt sich jedoch eine Gegensätzlichkeit von Mensch und Natur erkennen. Die Tatsache, dass der Protagonist eben diesen Baum als Kind selbst dort gepflanzt hat, fürt zu einem geschlossenen Kreislauf, der symbolisch für die gesamte menschlichte Existenz steht. Desweiteren wird die Klitoris in dieser Szene nicht nur als bloßes Versatzstück der Lust gesehen, sondern steht stellvertretend für die Lebensfreude an sich. Durch diese Metapher stellen sich dem Zuschauer unweigerlich Fragen aus dem Bereich der Religion, Philosophie und Antropologie, die von Armstrong jedoch niemals konkret beantwortet werden, sondern im gegebenen Kontext zum eigenen Nachdenken anregen sollen.
Armstrong ist hier ein prickelnder Geniestreich voller Reizüberflutung gelungen, der sich bedenkenlos in die Tradition anspruchsvoller Erotikunterhaltung wie „Fellatio’s 8 ½“ einreihen lässt. Für die meisten mögen Fantsasieprodukte wie "Der Herr der Ringe" zu den besten Filmen des Jahres zählen, in "Interview with a Vibrator" bekommt man jedoch das echte Leben präsentiert, echte Gefühle, unzensiert und unverfälscht. Ohne Frage ein Meisterwerk.


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