am 7. dezember kommt der film solino des türkischen regisseurs fatih akin ins kino.
zur vorbereitung auf diesen 'deutschen paten' folgt ein text aus dem zeit-kulturbrief:
Kurzinhalt:
In den sechziger Jahren verlaesst die Familie Amato ihr italienisches Heimatdorf Solino und wandert nach Duisburg aus. Dort gibt es Stahlwerke, Kohlegruben und auch Schnee. Aber Pasta und Pizza? So entsteht der Plan, die erste Pizzeria des Ruhrgebiets zu eroeffnen. Waehrend Mutter Rosa kocht und Vater Romano den weiblichen Gaesten schoene Augen macht, verlieben sich die Soehne Gigi (Barnaby Metschurat) und Giancarlo (Moritz Bleibtreu) in dasselbe Maedchen. Im Laufe der Jahre zerbricht die Familie und auch Gigi, und Giancarlo trennen sich im Bruderzwist. Erst zehn Jahre spaeter begegnen sich die beiden wieder - da stellt sich die Frage: Wer hat sein Leben richtig gelebt?
ZEIT_online: War es fuer Sie schwierig, das Drehbuch der Hamburger Autorin Ruth Toma umzusetzen?
Fatih Akin: Schwierig war vor allem, den Film in einer fremden Sprache zu nszenieren. Die groesste Herausforderung war fuer mich, als Jahrgang ´73, die damalige Zeit zu erzaehlen, und zwar nicht so zu erzaehlen, dass Leute ankommen und sagen:
"Das ist falsch, ich habe in dieser Zeit gelebt." Dagegen fiel es mir ueberhaupt nicht schwer, mich in die italienische
Mentalitaet hineinzuversetzen. Ich kann mich gut in Strukturen, in soziale Umfelder hineinversetzen.
ZEIT_online: Ihr Film schafft einen Mikrokosmos, indem er die italienische Gastarbeiter-Familie beobachtet.
Fatih Akin: Das hat mir an dem Drehbuch so gut gefallen, dass es die Perspektive der Gastarbeiter eins zu eins wiedergibt.
Also die Gastarbeiter nicht wie in anderen Filmen aus der Sicht von Deutschen, wie zum Beispiel bei Fassbinder. In gewisser Weise ist mein Film ein sehr deutscher Film.
ZEIT_online: Die deutschen Charaktere werden in "Solino" - bis auf die Nachbarn der Amatos - mehr oder weniger als Karikaturen gezeichnet. Sie sind ungeschickt, wie zum Beispiel der Arzt, der Rosa Amato mitteilen muss, dass sie Leukaemie hat.
Fatih Akin: Ja, diese Szene habe ich aufgrund eigener Erfahrungen ins Drehbuch eingebracht. Einer Verwandten von mir
ist das Gleiche passiert. Als sie zum Arzt ging, rief er: "Sie kommen sechs Monate zu spaet." Auch Jo (Patrycia Ziolkowska),
die Jugendliebe der Brueder, verkoerpert das Deutsche, das Unnahbare.
ZEIT_online: Moritz Bleibtreu spielt Giancarlo, einen der Brueder. Er ist neidisch auf die Erfolge seines Bruders Gigi,
er verraet ihn, er betruegt ihn mit seiner Freundin. Bleibtreu hat bisher haeufig aufrechte Charaktere gespielt...
Fatih Akin: Als ich Moritz gefragt habe, ob er die Rolle uebernehmen will, hat er sofort "Ja" gesagt. Ich habe ihm die
Rolle als eine Art "Sonny" aus "Der Pate" beschrieben, da wusste er schon, was gemeint ist. Er war sich auch darueber klar, dass er nicht die Rolle des Gigi uebernehmen kann -
vielleicht waere das am Anfang seiner Schauspielerkarriere was fuer ihn gewesen. Er wollte Giancarlo spielen, vielleicht
auch, weil bekannte Schauspieler gerne mal den ihnen zugeschriebenen Charakter brechen.
ZEIT_online: Giancarlo ist ein durchaus negativer Charakter...
Fatih Akin: Ich habe versucht, von dem Gut-und-Boese-Klischee wegzukommen und stattdessen die beiden Brueder als stark und
schwach zu kennzeichnen. Giancarlo ist schwach. Er will letztendlich auch nur geliebt werden, Bestaetigung bekommen.
Die Szene, bei der er in Traenen ausbricht, ist ein ganz grosser Moment im Film.
Andererseits war ich auch immer bemueht, negative Eigenschaften von Gigi aufzudecken und positive von Giancarlo.
Ich weiss nicht, ob mir das so gelungen ist in "Solino". Ich wollte zeigen, dass Gigi die Welt gar nicht richtig sieht, die ihn umgibt, sondern immer nur an "Film, Film, Film" denkt.
ZEIT_online: Deutlich wird das, wenn Gigi erst mit dem Blick durch die Kameralinse seine Liebe ganz bewusst wird.
Fatih Akin: Ja, er muss durch die Kamera blicken, um das zu bemerken. Gigi ist insgesamt schon eine sehr positive Figur,
weil er auch merkt, dass der Zusammenhang, das grosse Ganze zaehlt.
ZEIT_online: Beeindruckend ist die Szene in der Kirche, als Giancarlo Ada wiedersieht, die jetzt erwachsen und Gigis Braut ist. Er kann seinen Blick nicht von ihr lassen.
Fatih Akin: Das ist eine Betroffenheit, die hier zum Ausdruck kommt: wie schoen Ada ist, wie gut sie zu seinem Bruder passt. Diese ganze Szene in der Kirche ist letztendlich eine Beichte. Gigi ist in gewisser Weise Priester, Giancarlo Suender. Die ersten Einstellungen der Sequenz zeigen die Fresken an der Kirchendecke, auf denen das Fegefeuer zu sehen ist. Giancarlo will Vergebung. Wenn Du Vergebung willst, kommt immer auch die
Suende mit hoch. Fuer den letzten Teil des Films habe ich alle Passagen aus dem Drehbuch gestrichen, die von den Bruedern
wegfuehren. Ich wollte mich nur auf die Brueder konzentrieren.
ZEIT_online: In der Schlussszene des Films zeigt Gigi in seinem Heimatdorf Solino zwei Filme: einen, den er noch in Deutschland gedreht hat und einen "auf alt gemachten" Film, den er vor kurzem in Solino gedreht hat.
Fatih Akin: Was ich in dieser Szene zeigen wollte: Die Zuschauer reagieren verhalten auf den deutschen Film und sind begeistert von dem neuen Film. Dieser Film ist heiter, Gigi hat die Erfahrungen mit Deutschland ein Stueck weit hinter sich gelassen und Leichtigkeit gewonnen. Mit dem alten Film
koennen die Zuschauer auch gar nichts mehr anfangen.
ZEIT_online: Die Mutter beklagt sich an einer Stelle des Films, ihr sei "kalt" in Deutschland. Sie sind ja in Deutschland geboren und aufgewachsen...
Fatih Akin: Ja, aber ich bin hier mit allem vertraut und kann sagen: "Das ist meins, das gehoert mir." Es faellt mir schon schwer, das Ganze von aussen zu betrachten.
ZEIT_online: Ihr naechstes Projekt ist der Film "Gegen die Wand".
Fatih Akin: Den bereite ich gerade vor. "Gegen die Wand" ist eine traurige Liebesgeschichte und spielt wieder im
Tuerken-Milieu. Es ist ein wuetendes Projekt, es geht um die Doppelmoral, mit der viele tuerkische Maenner in Deutschland
leben. Ich habe jetzt schon sehr viel Aerger wegen des Drehbuchs bekommen...
ZEIT_online: ... das Sie wieder selbst geschrieben haben, wie bei Ihren frueheren Filmen.
Fatih Akin: Es ist die Geschichte eines 40jaehrigen entwurzelten Tuerken, der in Hamburg lebt und eine Scheinehe mit einem 20jaehrigen tuerkischen Maedchen eingeht, damit sie von zu Hause wegkann. Die beiden verlieben sich dann doch ineinander. Und drumherum der Mob.
Es ist ein sehr persoenliches Projekt, an dem ich schon seit einigen Jahren arbeite. Hauptdarsteller wird Birol Uenel sein,
ein grandioser Schauspieler, der auch schon bei "Im Juli" und bei "Todesspiel" von Heinrich Breloer mitgespielt hat. Der
Film ist eine Hommage an Birol Uenel und zeigt viel von dem was er erlebt hat. Viele Rollen in "Gegen die Wand" sind wieder mit Laiendarstellern besetzt. Der Film ist der erste Teil einer Trilogie ueber "Liebe, Tod und Teufel."
-ende
<font size=-1>[ Diese Nachricht wurde geändert von: laertesdd am 2002-10-25 13:28 ]</font>


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