Lilja 4-Ever
von Manfred Hermes
"Life is shit. And then you die." Dieses beherzt pessimistische Sprichwort wird in Großbritannien gerne verwendet. Dort ist man nicht so völlig der Harmoniesucht verfallen und läßt der Skepsis und dem Realitätssinn (samt dem Humor) immer einen gewissen Spielraum. Wo glückliche Enden nicht absehbar sind, da tut sich der kommerzielle Film traditionell schwer. Aber inzwischen hat sich die wirtschaftliche Lage weltweit anscheinend derart verfinstert, daß diese Regel für den Film so allgemein nicht mehr gelten kann. Jedenfalls ist das "kleine Kino" heute miserabilistisch bis zum Gehtnichtmehr. Auch im properen Schweden.
Lukas Moodyson läßt in "Lilja 4-ever" das Programm eines totalen Mangels, der Ausweglosigkeit, des Elends und der Freudlosigkeit ablaufen. Und obwohl es nun immer heißt, daß die Dritte Welt sich zügig in der Ersten Welt ausbreiten würde, bedeutet das nicht, daß die neoliberale Tristesse nicht immer noch am billigsten in den postsozialistischen Regionen zu haben ist. Gedreht wurde in verwitterten Plattenbauten in Tallinn, mit russischen Darstellern und weitgehend in russischer Sprache.
Mit einer großen Verzweiflung setzt der Film ein. Eine Mutter folgt einem Lover in Richtung USA. Sie läßt ihre Tochter Lilja (Oksana Akinshina) ohne Unterstützung in einer Welt zurück, in der nur noch Delinquenz, Niedertracht und Depraviertheit florieren. Es fehlt an allem, aber eine Schulfreundin weiß, wie man zu Geld kommen kann. Sie brezeln sich also auf, nehmen den Vorortzug Richtung Stadt, um in einem bekannten Club ihr Glück zu versuchen. Die Prostitution fällt Lilja aber nicht leicht, es fehlt ihr völlig die Neigung zu einer erotisierenden Selbstdarstellung. Ihre Freundin ist da weniger ungeschickt. Später schwärzt sie Lilja in der Schule für das an, was sie selbst getan hat. Von nun an bleibt Lilja nichts mehr erspart, weder die stupide Bosheit der Jugendlichen noch die Niedertracht der Nachbarn, und mit einem fast ausdruckslos leidenden Gesicht setzt sie sich über alle Angriffe hinweg. Da man sie als Hure abstempelt, obwohl sie diesbezüglich noch gar keine Erfahrungen hat, entschließt sie sich, nun wirklich auf den Strich zu gehen, um ihre Lage wenigstens finanziell zu entspannen.
In diesem Elend gibt es für Lilja einen einzigen Lichtblick: Volodja (Artiom Bogutjharskij), ein elfjähriger Junge, der von den Umständen ebenso geprügelt worden ist wie sie selbst. Sie haben zusammen Kleber geschnüffelt, Spaß gehabt, und so hat sich etwas wie die Nähe einer weichen Zuneigung entwickelt. Volodja würde gerne mit der fünf Jahre Älteren Sex haben oder sie vielleicht küssen, aber das kommt für Lilja selbstverständlich nicht in Frage. Trotzdem bleibt eine erotische Spannung zwischen den beiden bestehen, die vielleicht der körperliche Ausdruck eines tieferen Verstehens ist. Von ihrem neuen Geld kauft Lilja ihrem kleinen Freund einen Basketball. Es ist eine der rührendsten Szenen dieses Films, als Volodja die einfache Tatsache eines Geschenks nicht begreifen kann und erst mit Verzögerung seine Freude zeigt.
Doch zarte und freundliche Beziehungen wie diese werden immer dem Altar der "großen Gefühle" geopfert. Lilja lernt im Club einen Mann mit Auto kennen. Er ist zu schön, um wahr zu sein, und auch Volodja ahnt, daß das nicht gut geht. Lilja aber läßt sich die ungewohnte Aufmerksamkeit gerne gefallen und gibt jede Vorsicht auf. Nach einer Weile wirft Andrei erste Köder aus. Im Westen sei vieles möglich, es gebe Arbeit und Geld. Andrej verspricht ihr ein Visum. Tatsächlich besorgt er Lilja einen Paß, wenn er auch auf einen anderen Namen lautet. Lilja fliegt nach Schweden, aber Andrej kommt nicht mit. In Schweden wartet ein großer Wagen auf sie; dann nimmt man ihr als erstes den Ausweis weg. Sie wird in ein Apartment gesteckt und die Wohnungstür von außen verriegelt. Lilja ist nun versklavt, ihre frühere Unbeweglichkeit ist total. Von Schweden wird sie nur die Fransen und ein paar Details auf dem Weg zu irgendwelchen Freiern sehen. Die werden mit einer derb "subjektiven Kamera" gezeigt, wie sich über die junge Frau hermachen.
Hier kann und soll es keine Rettung geben. Doch so aussichtslos und grausam das alles auch wirkt, es ist ein geschmackssicherer Miserabilismus, der sich hier vorführt. Zweifellos hat Moodyson ein gutes Gespür für alles Kinematische, für Darsteller, Drehorte, Dramaturgie, Farben, Tapetenmuster und Musik. (Daß er ausgerechnet Rammstein als eine Art "Expressionismus der seelischen Not" einsetzt, ist dann aber doch einigermaßen erstaunlich - und die vielleicht einzige Geschmacksverirrung dieses Films.) Moodysons Weltsicht läßt sich ungefähr so zusammenfassen: Kapitalismus ist die Serienproduktion von Apokalypse, er macht vor keiner Verwertungsmöglichkeit Halt. Auch vor dem Diebstahl von Organen nicht.
Schon in " F u c k i n g Å m å l " hatte Moodyson die Misere der Adoleszenz auf den Schultern einer jungen Lesbe abgeladen. In "Lilja 4-ever" treibt er die Elendsprojektion auf Jugendliche wesentlich weiter. Unschuld wird der Ungeheuerlichkeit einer totalen Ausschlachtung ausgesetzt. Wie in Larry Clarks Filmen erzeugt das eine gewisse Zweischneidigkeit, Spaß an der Besudelung mischt sich mit einer Zielgruppenspezifik, die gut zu funktionieren scheint. Aber auch wenn das wie das Resultat einer scharfen und kompromißlosen Beobachtungsgabe aussieht - die Lust, Böses exemplarisch zu erleiden, trifft sich mit der, selbst auch Böses zu tun.
In "Der letzte Mann" haben sich F. W. Murnau und Carl Mayer aus einem ähnlichen Dilemma mit einem kecken Schluß befreit. Ein Millionenerbe reißt es raus. Da das eine ironische Lüge war, konnte der englische Titel mit Recht "The Last Laugh" heißen. Auch Moodysons Film läuft zielstrebig auf Tod und Vernichtung hinaus, auch bei ihm stellte sich die Frage nach der positiven Wende aus dem Elendsbild. Die Antwort: Es werden populäre religiöse Motive aktiviert. Der Schutzengel konnte für Lilja zwar zu Lebzeiten nicht viel tun, nach ihrem Tod wachsen ihr selbst aber Flügel, und so kann sie auf dem Dach des Apartmentblocks ihre neue Freiheit zusammen mit Volodja genießen.
Die Aussicht auf ein Leben nach dem Tod gibt dem Filmtitel eine eigenartige Färbung. Da sehnt man sich fast nach einem fröhlichen Ende, wie hingelogen das auch immer wäre. Nach diesem Film verläßt man das Kino jedenfalls völlig geplättet.
(Quelle: konkret.de)


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