Ich bin soeben in den Genuss eines asiatischen Films gekommen: "Samaria" von Kim Ki-Duk, der 2004 dafür den Silbernen Bären für die Beste Regie gewann. Ich war bisher gar nicht der typische Asien-Film-Zuschauer ("2046" hatte mich erst kürzlich in seiner Hardcore-Ästhetisierung überfordert): Das liegt primär daran, dass asiatische Filme über eine vollkommen eigene, dem europäischen oder amerikanischen Kino wenig verwandte Erzählweise funktionieren.
Im asiatischen Kino, habe ich in einem Buch von Walter Murch gelesen, geht die Geschichte immer vom Detail und nicht von der Totalen aus. Wenn nicht bildästhetisch, so doch zumindest in der geistigen Annäherung an seine Charaktere und seine Handlung.
Vor allem lebt es davon nicht die Pointe selbst, sondern immer das Nach-der-Pointe abzubilden. "Samaria" bildet nun den Versuch auf mehreren Ebenen die Spannung zwischen Tradition und Moderne des zeitgenössischen Korea abzubilden.
Erstmal weil sein Film so vollkommen schonungslos und pointiert (also fast amerikanisch) zu funktionieren scheint (abseits der Konventionen asiatischen Kinos) und weil er jene Pointierung auf paradoxe Weise durch seine Geruhsamkeit kontrastiert(die im künstlerischen Geiste des asiatischen Films steht). Gewalt und Blut scheinen hier irgendwo zwischen Extreme und Andeutung zu verschwimmen, funktionieren aus ihrem Bild heraus wie eine Reinigung, die den Charakteren jedoch Selbstgeißelung ist.
Auch interessant ist hier der immer virulente Dialog zwischen moderner und traditioneller Ästhetik (DV-Trash gegen Naturschönheit; Stadt gegen Land; Werbung gegen Natur).
Aber auch abseits dieser filmerzählerisch und filmtechnisch hochspannenden Fragen ist "Samaria" ein mitfühlsamer Film über ganz elementare Themen und Werte. Eine tieftraurige und anrührende Liebesgeschichte über Entfremdung und Trauer.
Na ja...jedenfalls ein beeindruckender Film. Gerade für Asien-Film-Anfänger, die von Wong Kar-Wei abgeschreckt wurden, bildet "Samaria" die großartige Möglichkeit einen Grundkonflikt im zeitgenössischen asiatischen Kino nachzuvollziehen: Der Aufbruch der Gesellschaft in die Moderne. Eine Moderne die so aufgepfropft westlich ist, dass sie fast zwangsläufig ins Radikale pervertieren muss (ähnlich wie das jener Augenblick in "Lost in Translation" aufzeigt als die von Johansson gespielte Figur ungläubig vor einer Armada grellbunt gekleideter Jugendlicher steht, die noch buntere Videospiele spielen).
Hier einige Links zum Film: http://www.filmz.de/film_2004/samaria/links.htm
Auch mal wieder eine gute Gelegenheit sich alte Kurosawa-Filme anzuschauen und hier noch einmal zu empfehlen. "Rashomon", eine Auseinandersetzung über Wahrheit und Lüge aus den 50er Jahren (mit dem Oscar ausgezeichnet) ist hier noch mal zu erwähnen. Auch zeitgenössiche amerikanische Regisseure wie George Lucas oder Steven Spielberg geben Kurosawa regelmäßig als Inspirationsquelle für ihr filmisches Schaffen an (Coppola, Scorsese und Spielberg produzierten auch seinen Film "Ran"; Scorsese hat darin auch einen Gastauftritt als Vincent Van Gogh; der Film "Lola Rennt" beruht übrigens ebenfalls auf der Grundidee von "Rashomon").


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