Aus gegebenem Anlass (der Film kommt nächste Woche auf Premiere) werde ich jetzt mal meinen Kommentar zu einem der geachtetsten Kriegsfilme aller Zeiten schreiben und meine Gedanke um den sehr kontroversen Titel kreisen lassen und damit auch gleich mal das neue "Kritiken"-Forum eröffnen... *freu*
Titel: Full Metal Jacket
Land: USA
Jahr: 1987
Sprache: Englisch
Genre: Antikriegsfilm
Regie: Stanley Kubrick
Darsteller: Matthew Modine, Robert Lee Ermey, Adam Baldwin, Vincent D'Onofrio
FSK: ab 16
Der hochkontroverse Film des Regieveteranen Stanley Kubrick ("2001 - A Space Odyssey", "A Clockwork Orange", "Paths Of Glory", gestorben am 7. März 1999) behandelt die Geschichte einer Gruppe junger Marines, die das menschenverachtende Training und den brutalen Drill dieser Sondertruppe der Army über sich ergehen lassen, um dann im Vietnamkrieg eingesetzt zu werden. Dies ist die überwiegende Thematik der ersten Hälfte des Filmes, während sich die zweite mit dem Schlachfelddasein des Kriegsberichterstatters Private Davis (genannt "Joker", dargestellt von Matthew Modine) und einiger anderer Soldaten beschäftigt, welche immer wieder in Kriegshandlungen verstrickt werden und die Sinnlosigkeit dieses Kriegs am eigenen Leib zu spüren bekommen.
Der Film ist besonders in der ersten Hälfte durchaus schockierend und definiert hier sehr exakt die typischen Eigenschaften eines Antikriegsfilmes, so dass dieser Film durchaus als Anschauungsunterrricht dienen kann (ähnlich wie "Die Brücke" von Bernhard Wicki), wenn man eine eindeutige Umschreibung und Definition dieses Genres sehen will. Stanley Kubrick baut in der ersten Hälfte besonders auf die grausamen Methoden von Gunnery Sergeant Hartman, des Drill Instructors, den Robert Lee Ermey (früher Selber ein "Schleifer" gewesen) absolut brillant und extrem authentisch verkörpert. Höhepunkt seiner Spielkunst sind die für die Zuschauer absolut qualvollen Momente, in denen er den übergewichtigen und in Hartman's Augen unfähigen Private Pyle degradiert, bis ins kleinste demütigt und letztlich sogar die ganze Gruppe für dessen Fehler geradestehen lässt, was Privat Pyle den Zorn seiner Kameraden einbringt. Dies geht soweit dass Pyle als psychisches Wrack vollkommen durchdreht und sich, in Form eines Suizids, in einer Nacht, in einer Szene, die an Intensität und Schauspielkunst kaum mehr zu übertreffen ist, von allem befreit, nachdem er sich an Private Hartman gerächt hat. Allein schon in dieser einen Szene zeigt sich, wie sehr Kubrick mit diesem Film den Krieg anklagen will: Ungeheuer eindringlich wirkt es, wie Pyle über die Sinnlosigkeit ( "Ich lebe in einer Welt voller Scheiße!" ) seines Handels zu seinem einzigen Halbverbündeten Joker spricht. Sein leerer Gesichtsausdruck spiegelt sein ganzes Leiden unter dem tyrannischen Sergeant wieder, wenn er auf der Toilette in der Nacht mit dem Gewehr in der Hand seinem Dasein ein Ende bereitet. Mit Pyle's Tod endet der erste Handlungsteil des Kriegs und fortan dreht sich alles um Joker's Einsätze auf dem Feld. Hier nun zeigen sich wieder typische Phänomene der Kubrick-Filme. In einer unterkühlten Kameraführung fängt er die Bilder von Unmenschlichkeit und Morallosigkeit unter den Soldaten ein. Einerseits zeigt er Verzweiflung unter den Männern und stellt die oft zitierte Frage nach dem Sinn eines solchen Krieges, andererseits zeigt er aber auch - und das finde ich besonders faszinierend - was der Krieg aus einem Menschen machen kann. Diejenigen, die den Zustand der Verzweiflung und des Zweifelns überwunden haben, werden zu Mördern. Ja, es hat nur noch wenig mit der eigentlichen Bedeutung des Wortes Krieg zu tun, wenn in einer Szene Joker mit zwei anderen Kameraden im Hubschrauber sitzt und einer von den beiden mit einem Sturmgewehr, hocherregt und mit einem Ausdruck wahnwitziger Freude auf dem Gesicht, Jagd auf Kinder und Frauen macht, die auf den Feldern unter ihnen arbeiten. Die Frage danach, wie er denn auf Frauen und Kinder schießen könne, beantwortet er mit einem lakonischen "Man darf nur nicht so weit vorhalten". Die Kaltblütigkeit, Emotionslosigkeit und das rücksichtslose Vorgehen der Kämpfer beider Seiten sind die elementären Bestandteile der zweiten Filmhälfte. Anhand der Resultate zeigt Kubrick hocheindrucksvoll die Auswirkungen des Krieges auf einen Menschen und stellt somit interessante Fragen nach dem "Ur-Ego" des Menschen.
Auch auf technischer Basis bietet das Werk eine ganze Menge. Aufgrund der hohen Flugangst des Regiegenies, wollte er den Film nicht einem tropischen Umfeld drehen, sondern ließ sich Palmen und tonnenweise Sand in die USA importieren. Dennoch sieht die Umgebung in den Kriegsszenen der zweiten Hälfte absolut realistisch aus und die halbzerfallenen Häuser, bei denen sich in jedem Fenster ein Scharfschütze befinden könnte, bewirken eine bedrückende Atmosphäre.
"Full Metal Jacket", eine verstörende Defintion des Antikriegsfilmes mit grandiosen Schauspielerleistungen, immensem Handlungstiefgang und hochinteressanter Thematik! Unbedingt anschauen!
Wertung: 89 %


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