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Thema: No hay banda

  1. #161
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    Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself

    Dienstag, 23. Mai 2006:



    Catch Me If You CanSteven Spielberg, 2002 (DVD)

    Spielbergs Geschichte von einem, der davonlief, um verfolgt zu werden, weiß auch nach mehrmaligem Ansehen zu gefallen und ist ein gutes Beispiel für einen exzellenten Unterhaltungsfilm mit Anspruch. Kann man gut als Gaunerkomödie zwischendurch konsumieren, kann man bei Bedarf aber auch mit Blick auf Abagnales Identitätsflucht angesichts einer für ihn unmöglichen Wahl – leben mit dem Vater oder der Mutter – ansehen und eine gelungene, eher traurige Beschreibung von familiärem Zerfall und Einsamkeit finden. Kein herausragender Film, aber gerade Tom Hanks hat in letzter Zeit schon weitaus schwächere gedreht. Ich nenne keine Titel. The Da Vinci Code

    7,5/10

  2. #162
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    Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself

    Mittwoch, 24. Mai 2006:



    L'Auberge espagnoleCédric Klapisch, 2002 (DVD)

    Eine rundum gelungene und sympathische Studentenkomödie mit internationalem Flair und unaufdringlichem Humor, die die stumpfe Riege amerikanischer Teenie-Klamotten weit hinter sich lässt. Erzählt aus der Sicht des Wirtschafts-Studenten Xavier, der die französische Heimat, Mutter und Freundin verlässt, um im Rahmen des Erasmus-Austauschprogramms ein Jahr lang Teil einer bunt zusammengewürfelten Euro-WG in Barcelona zu sein.

    Klapischs muntere Regie, die mühelos Übergänge zwischen Situationskomik, romantischen, traurigen und tiefsinnigen Momenten schafft, schlägt zu keiner Zeit einen falschen Ton an, fängt mit wunderbarer Leichtigkeit und völlig unverkrampft das Lebensgefühl einer jungen Generation ein, die keine Berührungsängste mit anderen Kulturen kennt und vermittelt dabei das schöne Gefühl, für kurze Zeit Teil einer Wohngemeinschaft gewesen zu sein, die sich vor allem durch Aufgeschlossenheit und Toleranz gegenüber dem Fremden auszeichnet. So ist man am Ende fast ein wenig traurig, dass man "ausziehen" und wieder in den Alltag zurückkehren muss. Aber es gibt ja noch ein Wiedersehen in St. Petersburg.

    Ein schöner und gut unterhaltender Film, mit dem man im Grunde nicht viel verkehrt machen kann. Und gerade Audrey Tautou hat in letzter Zeit schon in wesentlich schwächeren Streifen mitgespielt. Ich nenne keine Titel. The Da Vinci Code

    7,5/10

  3. #163
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    Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself

    Dienstag, 30. Mai 2006:



    For Love or MoneyBarry Sonnenfeld, 1993 (DVD)

    Geld oder Liebe? Diese Frage muss sich Michael J. Fox in dieser Quasi-Nacherzählung von The Secret of My Success (siehe weiter oben) stellen. Als ob wir ihm die Antwort nicht schon nach der ersten Minute geben könnten. Dass er sich für die Liebe entscheidet und das Geld trotzdem bekommt, versteht sich natürlich von selbst.

    Ich bin weder eine Frau noch interessiere ich mich sonderlich für die feministische Bewegung, aber Gabrielle Anwars Figur kann nur als Karikatur einer bescheuerten Hohlbrot-Tussi aufgefasst werden und stellt den Kehrwert einer starken Frauenrolle dar. Der weinerliche Jammerlappen nervt konsequent durch den ganzen Film hindurch und lässt sich ein ums andere Mal von einem schmierigen, stinkreichen, widerliches Süßholz raspelnden Dandy-Kotzbrocken zum Narren halten, bis ihr zum Schluss eine Art Licht aufgeht. Eher ein schwaches Glimmen in der Finsternis ihres Hirns. Bis dahin ist es zu spät und man hat längst nur noch Verachtung für sie übrig, so dass man nicht ganz den Verdacht abschütteln kann, dass Fox' Concierge mit einer Gummipuppe intellektuell doch besser beraten wäre.

    Der Film fällt mit Fox' vollkommen unnachvollziehbarer Faszination für diese Dumpfbacke leider komplett auf die Schnauze und hinterlässt einen schalen Nachgeschmack von lustloser Hollywood-Fließbandware. Kurz: Schrott.

    3,5/10

  4. #164
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    Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself

    Donnerstag, 01. Juni 2006:



    United 93Paul Greengrass, 2006 (Kino)

    Vorgestern direkt nach United 93 fiel mir kein zufriedenstellender Ansatz für einen Text zu diesem Film ein. Ich habe ein paar Zeilen geschrieben und dann brach der Gedankenfluss entweder ab oder verzettelte sich in alle möglichen Richtungen, die keinen zu verschriftlichenden Zusammenhang mehr hatten. Ist im Grunde immer noch so. Als ich gestern gefragt wurde, wie ich den Film fand, bekundete ich in einem unbedachten Moment meine Zweifel an der Notwendigkeit seiner Existenz, was in eine Grundsatzdiskussion über die Notwendigkeit von Filmen überhaupt mündete.

    Manche Leute sind der Ansicht, dass es noch zu früh für eine filmische Auseinandersetzung mit dem Thema 9/11 sei, weil dieses Trauma erst noch verarbeitet werden müsse. Keine Ahnung inwiefern, vermutlich kollektivpsychologisch oder in einer ähnlichen Form. Ich empfinde Kunst eigentlich als hervorragendes Mittel um Traumata zu verarbeiten, von daher teile ich diesen Standpunkt nicht unbedingt. Aber auch der Begriff der "Verarbeitung" ist schwammig definiert. Man könnte ihn vielleicht als eine transformierende Bearbeitung eines belastenden Zustandes verstehen; als Verschiebung auf eine andere Bewusstseinsebene um dort anders damit umgehen zu können, so dass er keine Ängste und Krisen mehr hervorruft, sondern vielleicht sogar produktiv genutzt werden kann.

    Paul Greengrass wechselt mit seinem Film keine Ebenen. Er bewegt sich auf genau der Ebene, die während des 11. September zur Genüge ausgelatscht wurde, nämlich die der Realität. Der Film versucht eine teilweise spekulative Realität abzubilden und bedient sich dabei eines dokumentarischen Stils, der sehr auffällig darauf bedacht ist, die Charaktere als Individuen darzustellen und jedem Verdacht einer Typisierung aus dem Weg zu gehen. Tatsächlich gelingt das auch; über die Passagiere erfährt man in etwa genau so viel, wie man während eines echten Fluges über sie erfahren würde. Also das, was man aus ihrem Erscheinungsbild und ein paar Gesprächsfetzen ableiten kann. Man fragt sich vielleicht, wo genau der Prozess der Verarbeitung einsetzt. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung.

    Film hat von allen Kunstformen das größte Potential einer wirklichkeitsgetreuen Abbildung, weil Film die meisten Sinne bedient und die Darstellungsform stark mit unserer visuell geprägten Alltagswahrnehmung korrespondiert. Wenn Kunst als Verarbeitung funktionieren soll, muss die Realitätsebene aber vielleicht verlassen werden, weil sonst die ewig gleichen Emotionen hin und her geschoben, aber nicht transformiert werden. Das macht Film zu einem gleichzeitig sehr gut und sehr schlecht geeigneten Mittel für eine derartige Verarbeitung. Sehr gut, weil auf Grund der Realitätsnähe eine hohe Wirkung erzielt werden kann. Sehr schlecht, weil die Gefahr einer manipulativen Realitätsimitation besteht. Verabeitung scheint in jedem Fall eine bestimmte Distanz vorauszusetzen, damit man überhaupt erkennen kann, was man da gerade verwandelt und worin. United 93 fühlte sich stellenweise verdächtig nah an.

    Diesseits aller theoretisch-distanzierten Betrachtung ist es nahezu unmöglich, von diesem Film nicht irgendwie bewegt zu werden. Als die Passagiere des Flugs 93 ihre letzten Telefonate führen, fällt immer wieder ein Satz: Ich liebe dich. In einer Sequenz mehrmals hintereinander, und mit jedem neuen Ausspruch wird offensichtlicher, dass dieser eine Satz das ultimative Statement darstellt, wenn sonst alles gesagt ist. Neben der Unerträglichkeit des Absturzes bleibt als dominierendes Gefühl nach United 93 hängen, dass diese Menschen jemanden hatten, den sie liebten. An den sie dachten, als sie starben. Egal wieviel Fiktion in diesem Film steckt, es fühlte sich wahr an. Und vielleicht ist dieses Gefühl nicht mehr zu verarbeiten, weil es keine höhere Ebene als die Liebe gibt.

    Zu der Frage, ob dieser Film nötig war, habe ich leider immer noch keine Meinung. Ich fand ihn jedenfalls nicht schlecht. Er bezieht seine Wucht aus der authentisch wirkenden Darstellung einer möglichen Variante einer Tragödie, was einige vielleicht unethisch finden. Ganz sicher geht er an die Nieren und dürfte kaum jemanden kalt lassen.

    7,5/10

  5. #165
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    Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself

    Sonntag, 04. Juni 2006:



    Mars Attacks!Tim Burton, 1996 (DVD)

    Mars Attacks! war beim zweiten Ansehen genauso krank wie ich ihn in Erinnerung hatte, nur viel lustiger. Der absurd-komische Edeltrash inkorporiert prototypische Elemente des Sci-Fi-Genres von War of the Worlds bis Plan 9 from Outer Space und stattet das Resultat mit pechschwarzem Humor und gewollt stereotypen Figuren aus, an denen der kulturelle Schock der Begegnung mit einer außerirdischen Zivilisation abprallt als wären sie mit Intelligenz-Teflon beschichtet. In einer gnadenlos albernen Vernichtungsorgie ereilt sämtliche US-Administrationsorgane der Tod durch Laser-Grillen; am Ende bleiben zwei sympathische Teenager übrig und irgendwie ist man froh, dass die Welt vielleicht nochmal einen Neuanfang mit unverdorbenen Gehirnen (und mit Tom Jones) erleben darf. Ein makabres Funfest, dessen scheinbarer Nonsense-Humor mit der Zeit reift wie guter Wein.

    7/10

  6. #166
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    Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself

    Sonntag, 04. Juni 2006:



    a perfect circle –aMOTION – Video Collection
    • Judith (Directed by David Fincher)[/*:m:22yvqgzf]
    • 3 Libras (Directed by Paul Hunter)[/*:m:22yvqgzf]
    • Weak and Powerless (Directed by Brothers Strause)[/*:m:22yvqgzf]
    • The Outsider (Directed by Steven Grasse & Mark Kohr)[/*:m:22yvqgzf]
    • Thinking Of You[/*:m:22yvqgzf]
    • Counting Bodies Like Sheep To The Rhythm of The War Drums (Directed by Steven Grasse, Nick Paparone & Paul Thiel)[/*:m:22yvqgzf]
    • Blue (Directed by Jose Perez)[/*:m:22yvqgzf]
    • The Noose (Live)[/*:m:22yvqgzf]
    • Imagine[/*:m:22yvqgzf]
    Recht wilde Video-Mischung der Art-Rock-Band um Tool-Sänger Maynard James Keenan (siehe auch Constantine-Soundtrack: "Passive"). Finchers Judith-Video lässt in seinen destruktiven Bildmanipulationen noch Überreste der Seven-Dreckästhetik erkennen, ist an sich aber reichlich unspektakulär. Das Video zu 3 Libras kann mit der Qualität des Songs leider nicht ganz mithalten, ist aber immer noch nett anzusehen. Am besten gefiel mir Weak and Powerless der Strause-Brüder (siehe Bild), die sonst eigentlich mehr im Digital-Effekte-Bereich wirken und u.a. auch bei den X-Files aktiv waren. Der Körper einer nackten Frau wird langsam von einem größer werdenden Loch "aufgefressen", während sie ein anderes Loch im Erdboden mit Insekten und sonstigem ekligem Gewürm aufzufüllen versucht. Das geht schief. Widerlich, aber beeindruckend. Der Rest ist… interessant. Das wütende Lennon-Cover Imagine hätte man visuell sicher effektiver umsetzen können. Im Grunde wird einem von genau den Bildern ins Gewissen geredet, die man erwartet. Sehr geile psychedelische Lichtspielchen beim Live-Video zu The Noose. Insgesamt empfehlenswert für alle Anhänger von etwas anspruchsvollererem Alternative-Rock.

  7. #167
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    Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself

    Montag, 05. Juni 2006:



    Finding NemoAndrew Stanton & Lee Unkrich, 2003 (DVD)

    Gut, dass es Pixar gibt, sonst wäre der US-Animationsfilm wahrscheinlich schon seit Jahren tot. An Finding Nemo gibt es im Grunde nichts auszusetzen. Kinder bekommen einen intelligenten, leicht verständlichen, witzigen und herzerwärmenden Film mit liebevoll herausgearbeiteten Figuren und wunderschönen Farben, der zudem eine nette und kitschfreie Botschaft über Vertrauen und Nestflucht enthält. Der erwachsene Zuschauer bekommt das Gleiche, darf sich aber zusätzlich an beeindruckenden Animationen und der Hintergründigkeit mancher Gags erfreuen. Nicht so frech wie Shrek und etwas kindgerechter konzipiert als die Incredibles, ist Finding Nemo die perfekte Familienunterhaltung für alle Altersklassen.

    8/10

  8. #168
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    Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself

    Donnerstag, 08. Juni 2006:



    The Third ManCarol Reed, 1949 (DVD)

    Enttäuschende Klassiker. A pain in the ass. The Third Man muss ich glücklicherweise nicht zu dieser Gruppe hinzurechnen, im Gegenteil.

    Holly Martins (Joseph Cotten), finanziell klammer Autor von Drei-Groschen-Western-Romanen, reist auf Veranlassung seines Freundes Harry Lime aus den Staaten ins Nachkriegs-Wien, wo neue Verdienstmöglichkeiten winken. Dort angekommen muss er feststellen, dass er gerade noch rechtzeitig zu Freund Harrys Beisetzung ankommt, die nach einem tödlichen Verkehrsunfall nötig geworden ist. Weil nicht alle Teile des Puzzles zusammenpassen, fängt Martins an in Limes Vergangenheit zu wühlen und stolpert über die ein oder andere Leiche in dessen Keller.



    Die Figur des Harry Lime hat Orson Welles als den idealen "Star Part" bezeichnet. Das sind die Rollen, über die das Publikum sich zunächst eine Stunde lang den Kopf zerbricht, bevor die Figur dann erstmals auftaucht und von dem um sie aufgebauten Mysterium profitiert. Tatsächlich hat es unverkennbaren "Magic Moment"-Charakter, wenn sich die Schatten um den totgesagten Harry Lime in einer dunklen Gasse lüften und Welles' verschlagen grinsende Züge offenbart werden. Und spätestens nach seinem denkwürdigen Italien/Schweiz-Vergleich hat er einen diabolischen Charme entfaltet, dem man kaum widerstehen kann.



    Die Hauptrolle im Finale von The Third Man spielt aber weder Welles noch Cotten, sondern das weitläufige Wiener Kanalsystem, Schauplatz der entscheidenden Verfolgungsjagd und derart grandios in Schwarz-Weiß photografiert, dass man fast Lust bekommt dort einzuziehen. Vorausgesetzt, man hat genügend Duftbäumchen parat. Geboten wird ein ästhetischer und kunstvoller Einsatz von Licht und Schatten, der in zeitgenössischen Filmen, insbesondere im Thriller-Genre, leider viel zu häufig zu Gunsten von Pseudo-Suspense erzeugenden Plot-Gimmicks vernachlässigt wird. Dabei kann ein Film allein in seinen Bildern schon eine ungeheure Spannung transportieren, was in The Third Man auch effektiv praktiziert wird.

    Ein nahezu makelloser Film von Carol Reed, nach dem ich mir nun fast sicher bin, dass sich in dessen Filmographie noch die ein oder andere Perle versteckt hält.

    9/10

  9. #169
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    Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself

    Donnerstag, 08. Juni 2006:



    Das Wunder von BernSönke Wortmann, 2003 (DVD)

    "Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Brasilien ist schon wieder Weltmeister!"
    Sollte am 9. Juli 2006 dieser Satz ertönen, wird es wieder viele lange Gesichter in Deutschland geben. Weil Deutschland halt schon wieder nicht Weltmeister geworden ist. Dabei ist das gar nicht so wichtig. Aber ich fange besser von vorne an.

    […] der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.
    Diese Weisheit stammt ausnahmsweise mal nicht von Sepp Herberger, sondern von Friedrich Schiller. Schillers Begeisterung für Fußball hielt sich meines Wissens in Grenzen, er war glaube ich auch kein Anhänger von American Sports. Der olle Fritz war vielmehr der Ansicht, dass im Menschen zwei Triebe wirken, denen er die hübschen Bezeichnungen Stofftrieb und Formtrieb gab.

    Der Stofftrieb ist an die physisch erfahrbare Welt geknüpft und setzt den Menschen in die Zeit, wo er sich von seinen unendlichen Entfaltungsmöglichkeiten eine aussuchen sollte. Der Formtrieb strebt nach der Freiheit des Menschen und versucht eine harmonische und absolute Persönlichkeit zu kreieren, die für alle Zeit gültig ist, nicht in sich zerrissen. Eine formale Idee des Selbst. Der Stofftrieb beschäftigt sich also eher mit dem, was ist (dem vorhandenen Lebensstoff), der Formtrieb eher mit dem, was sein soll (der idealen Form, in die die Stoffe gegossen werden).

    Weil nun eine allzu einseitige Ausrichtung nicht so großartig ist, müssen die beiden Triebe unter einen Hut gebracht werden. Denn wer sich während der Fußball-WM nur mit seinem Kasten Bier beschäftigt, der ganz stofflich vor ihm steht, wird genauso außen vor bleiben wie der, der vor lauter Nachdenken über mögliche Spielkonstellationen und ideale Taktiken vergisst den Fernseher einzuschalten. Also brauchen wir den Spieltrieb, der Stoff und Form vereint, damit das Bier maßvoll genossen werden kann während das Spiel geschaut wird. Ist der Spieltrieb aktiv, wird sich der Mensch zugleich seiner aktuellen wie absoluten Existenz bewusst, der Moment wird im Hinblick auf die Ewigkeit ausgenutzt. Das "Spiel" in dieser Definition ist schließlich gekennzeichnet durch die Abwesenheit sowohl von Zufälligkeit als auch von purem Zwang. D.h. es gibt abstrahierte, formgebende Regeln, die eine ordnende Struktur etablieren, aber ich spiele letztendlich, weil ich es will, nicht weil ich muss.

    Indem es mit Ideen in Gemeinschaft kommt, verliert alles Wirkliche seinen Ernst, weil es klein wird, und indem es mit der Empfindung zusammentrifft, legt das Notwendige den seinigen ab, weil es leicht wird.
    Mit Spielen wie Fußball, also dem, was man normalerweise unter "Spiel" versteht, hat Schillers Gedankengekröse nicht mehr viel zu tun. Für ihn wäre das Herumkicken der Schwarz-Weiß gemusterten Pille wahrscheinlich viel zu trivial gewesen. Aber wir erfahren im Wunder von Bern (den ich unterm Strich übrigens ganz OK fand) trotzdem ein paar erhellende Dinge über den Menschen, denen wahrscheinlich auch Schiller zugestimmt hätte. Etwa dass permanente Unfreiheit, also die ständige Anwesenheit von Zwang, einen Menschen zum Schlechten hin verändern kann. Dass sie ihn traurig, ängstlich und verschlossen machen kann. Und dass die einzige Rettung in einer derartigen Gefangenschaft die Welt der Ideen ist, wo man sich mit dem beschäftigt, was sein sollte, nicht mit dem, was ist. Bis man irgendwann vielleicht wieder frei ist. Dann muss man das Spielen wieder erlernen; die unverkrampfte Kombination von Realität und Idee. Nie aber sollte das Spiel selbst zum Zwang, zum erdrückenden Ernst werden. Weil es dann seine Anziehungskraft verliert und hässlich wird. Deshalb am besten nicht zu verkrampft auf den Sieg schielen. Das Ziel heißt: Ein gutes Spiel abliefern. Dann hat man schon gewonnen.

    6,5/10

  10. #170
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    Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself

    Freitag, 09. Juni 2006:



    28 Days Later...Danny Boyle, 2002 (DVD)

    Dieser postapokalyptische Thriller von Danny Boyle überzeugt mit einer gut abgeschmeckten Mischung aus fataler Endzeitstimmung und geschickt eingesetzten Horror-Momenten. Das allegorische Potential des Gewalt-Virus, das die infizierten Menschen ihrer Menschlichkeit beraubt und sie auf tobsüchtige Aggressionsbündel reduziert, wird leider nicht vollkommen ausgereizt; das war wahrscheinlich aber auch nicht die Absicht von Boyle. Während der Militärbasis-Sequenz glaubt man irgendwann ein mondernes Echo von Pasolini und seinen 120 Tagen zu vernehmen, was sich aber relativ schnell zu Gunsten einer herkömmlichen Actionhandlung auflöst. Gegen Ende des Films verfällt Jim (ein großartiger Cillian Murphy, den ich erstmals in Batman Begins bewusst und sehr positiv wahrgenommen habe) in einen der Virusinfektion ähnelnden Gewaltrausch, der aber überraschend mühelos zur Seite gewischt und übergangen wird. Hier wird deutlich, dass 28 Days Later... seine Gesellschaftskritik nur halb ernst meint und in erster Linie als spannende Unterhaltung funktionieren soll. Das tut er auch; dankbarerweise mit angemessenem Tiefgang und Charakteren, um die man sich tatsächlich sorgt. Wem der Schluss nicht gefällt, darf sich eines der vierhundertneunundsiebzig alternativen Enden aussuchen, die entweder tatsächlich gedreht oder zumindest per Storyboard visualisiert wurden.

    7,5/10

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