Montag, 12. Juni 2006:
Strangers on a Train – Alfred Hitchcock, 1951 (DVD)
Als Guy Haines, erfolgreicher Tennisstar, während einer Zugfahrt die Bekanntschaft des zwielichtigen Bruno Anthony macht, erzählt der ihm von seiner Theorie des perfekten Mordes. Um das Motiv, den ermittlungstechnischen Schlüssel zur Täterfindung, unkenntlich zu machen, sollten zwei Personen ihre Opfer einfach austauschen. A schaltet den ungeliebten Mitmenschen von B aus und umgekehrt. Da Bruno seine Theorie mit etwas zu praxisnahem Engagement vertritt, wird Guy ihn schnell wieder los. Als ihm seine zukünftige Ex-Frau aber massive Steine in den Weg zu einer neuen Liebe legt, erinnert er sich an Bruno und seine Theorie…
Jeder kennt dieses Gedankenspiel: Manchmal machen einem andere Leute bei der Verfolgung eines bestimmten Ziels das Leben schwer und für einen kurzen Moment hält man es für eine recht treffliche Entwicklung, wenn diese Person mit unauffälliger Nachhilfe vor einen fahrenden Zug stolpern oder auf sonstige Art ihre Existenz verflüchtigen und damit den Weg zu besagtem Ziel ebnen würde. Normalerweise kommt man kurz danach aber auch zu dem Schluss, dass diese Maßnahme etwas zu extrem wäre und man sucht einen Umweg zum Ziel oder gibt es ganz auf. Guy Haines offenbart sich in Strangers on a Train eine derartige unmoralische Abkürzung und in einem schwachen Moment geht er einen kleinen Schritt dort entlang, schreckt dann aber vor den Konsequenzen zurück – unglücklicherweise geht er gerade so weit, dass der weniger skrupellose Bruno ihn schon kommen sieht und mit der Einlösung seines Teils des Deals fortschreitet.
Hitchcock entwickelt eine schmetterlingseffektartige Ereigniskette, die mit einer zufälligen Berührung anfängt und sich mit lebensverändernden Folgen für Guy Haines fortsetzt. Eine Reihe von in sich geschlossenen Einzelsequenzen, deren Spannungskurve sich wie ein Mini-Movie aufbaut (darunter am erwähnenswertesten ein Tennismatch, das möglichst schnell gewonnen werden muss), werden mit wie immer sicherem Timing zu einer Thrillerhandlung verknüpft, der man mit voyeuristischem Genuss folgt. Brunos gestörtes Verhältnis zu seiner Familie und besonders der ödipal schimmernde Umgang mit der Mutter ruft sofort Assoziationen zum Überwerk Psycho wach, in dem dieser Mutterkomplex zu einem ganzen Film ausgebaut wurde. Der von Robert Walker beeindruckend gespielte, verführerische Wahnsinn Brunos scheint tatsächlich darauf abzuzielen, den Vater aus dem Weg zu räumen um dessen Platz einzunehmen.
Dass Haines ungeschoren davon kommt und ein neues Leben anfangen kann, da er letztenendes doch von Brunos Mord profitiert, fühlt sich tendenziell ungerecht an, zumal er lange Zeit die Wahrheit verschleiert. Aber er ist natürlich unschuldig, weil er den falschen Weg nicht gegangen ist. Das hat jemand anderes für ihn erledigt.
8/10


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