Freitag, 30. Oktober 2009:
Dear Zachary: A Letter to a Son About His Father – Kurt Kuenne, 2008
Ich weiß eigentlich nicht genau, um welche filmische Form es sich bei Dear Zachary… handelt, für eine Dokumentation ist er jedenfalls zu persönlich und subjektiv. Ich werde einfach bei der Bezeichnung "filmischer Brief" oder nur "Brief" bleiben, wie es der Titelgeber auch selbst vorschlägt.
Der Brief beginnt als Nachruf eines engen Freundes auf einen ermordeten Mann, Dr. Andrew Bagby, dessen menschliche Qualitäten ein wenig greifbar werden durch sein sympathisches in Erscheinung treten in Privataufnahmen und Amateur-Kurzfilmen, hauptsächlich jedoch eher mittelbar durch die Art der Reaktion von Hinterbliebenen auf seine Ermordung. Da spürt man ganz deutlich, dass Andrew Bagby wohl kein durchschnittlicher Mensch gewesen war, sondern seiner Familie, seinen Freunden und Arbeitskollegen sehr viel bedeutet haben muss.
Kuennes Brief entwickelt sich zu einer Art Doku-Thriller, wenn die Umstände von Andrew Bagbys Ermordung durch seine krankhaft eifersüchtige, Borderline-gestörte Ex-Freundin beleuchtet werden. Bis zu diesem Zeitpunkt ist Dear Zachary… im Grunde nicht außergewöhnlich. Ein Mord ist geschehen, aber das ist heute ja fast schon trivial. Jedoch: Andrews Mörderin Shirley ist schwanger und erwartet das Kind des Ermordeten – der im Filmtitel angesprochene "Sohn", an den sich der filmische "Brief" richtet und der auch immer wieder direkt. Nach der Geburt des Kindes wird alles ziemlich verrückt. Andrews Eltern, David und Kathleen, bemühen sich um das Sorgerecht für ihren Enkelsohn und dürfen ihn – nachdem Shirley mit einer sehr zweifelhaften Begründung auf freien Fuß gesetzt wurde – nur im Beisein der Mutter sehen. Der Mörderin ihres Sohnes, wohlgemerkt. Und was danach kommt, soll an dieser Stelle trotz der Nichtfiktionalität des Geschehens nicht verraten werden, da auch der filmische Brief dem Zuschauer erst am Ende den dicksten Hammer verpasst.
Am Ende stellt sich die alte Frage, wie viel Schmerz und Leid ein Mensch wohl ertragen kann, ohne wahnsinnig zu werden. Andrew Bagbys Eltern haben diesbezüglich wohl eine ziemlich hohe Frustrationsschwelle, denn meiner Ansicht nach dürften nicht wenige Menschen, die das gezeigte Schicksal ereilen würde, nicht mehr viel Lebenskraft übrig haben. Hut ab vor der Stärke dieser beiden Menschen!
Wie ist nun der filmische Brief zu bewerten? Schwierig, da das Außergewöhnliche hauptsächlich in den Ereignissen an sich und weniger im Gemachtsein des Briefes steckt. Das ist in der ersten Hälfte erschreckend konventionell. Aber wie wichtig ist das Formale hier überhaupt angesichts des Gezeigten? Ich möchte zunächst festhalten, dass mir objektive Dokumentationen besser gefallen als deutlich persönlich gefärbte (wobei es die "objektiven" ja auch nicht in Reinform geben kann, da in der Auswahl und Montage des vorhandenen Materials ja immer bereits eine individuelle Färbung durch den Dokumentierenden mitverstanden werden muss). Kuenne entwirft eine emotional höchst manipulative Dramaturgie, die den Zuschauer auch politisch aktivieren soll (vielleicht nicht das Hauptziel des Films, aber mit Sicherheit ein angestrebtes). Das ist natürlich legitim, kann angesichts der Vermischung von emotional zutiefst bewegenden Ereignissen und angeklagten Missständen im Rechtssystem aber hinterfragt werden.
Was bleibt unterm Strich? Erschütterung, ungläubiges Kopfschütteln, Bewunderung menschlicher Stärke. Und ein ungutes Gefühl. Was wurde hier instrumentalisiert und warum? Ist Shirley Turner ein Monster oder psychisch krank? Vermutlich letzteres. Kuenne sieht sie wohl gemeinsam mit den Eltern des Verstorbenen als Monster. Verständlich, angesichts ihrer emotionalen Involvierung. Verständlich auch für den Zuschauer nach dem filmischen Brief. Vielleicht ein bisschen zu verständlich.
7/10


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