Also, ich möchte mein Filmtagebuch etwas lockerer gestalten, meinen Gedanken freien Lauf lassen, Szenen beschreiben, die mich bewegt haben. Es soll einfach eine persönliche Note haben. Wahrscheinlich schreibe ich es für mich selber, um die Filme besser einschätzen zu können. Dass es ein Forum dafür gibt, ist eine nette Sache...
Ich habe in letzter Zeit gar nicht so viele Filme gesehen. Sonst habe ich immer 1-2 pro Tag gesehen, doch ich war von einem Film in letzter Zeit so begeistert, dass ich ihn mir mehrmals auf DVD angesehen habe: The Royal Tenenbaums von Wes Anderson. Das passiert mir aller 20 Filme, dass mir einer so gut gefällt, dass ich mir alle 24 Bilder einer Sekunde am liebsten einzeln ansähe, weil er meine momentane Stimmung so perfekt widerspiegelt. Dabei ist es einer solcher Filme, die ich erst beim zweiten Sehen mochte. So erging es mir schon bei Fellinis 8 1/2, dem hier zur Zeit diskutierten A Clockwork Orange von Kubrick und Tatis Playtime. Alles mittlerweile unter meinen Top 100, bei denen ich mich beim ersten Ansehen zwingen musste, sie bis zu Ende zu sehen. Ich hoffe ja, dass es mir bei anderen Klassikern auch noch gelingt, deren Schönheit zu erkennen: Tokyo monogatari von Ozu, John Fords The Searchers und The Informer, L'Avventura von Antonioni und Kiarostamis Geschmack von Kirschen (mir fällt der Originaltitel grad nicht ein...) beispielsweise. Aber das erging ja schon Truffaut nicht anders. Erst verriß er John Ford Filme, später gehörte auch er zu seinen Helden.
Aber zurück zu den Tenenbaums und was mir daran gefallen hat: die Melancholie, die wie ein Schleier über der Komödie liegt, die Details, von denen ich bei jedem Wiedersehen mehr entdecke (gut, dass man die Zoom Taste auf der DVD Fernbedienung hat), die Bildkompositionen, die Montagesequenzen, mit passender Musik unterlegt (z.B. die Akte, die über Margot angelegt wurde; hier werden in kurzer Folge alle wichtigen Stationen im Leben von Margot gezeigt, samt all ihren Liebhabern). Ein Vergnügen sind auch die Darsteller, besonders Gene Hackman. Mir gefiel die Szene mit ihm und Anjelica Huston, als er sie fragt: How's your lovelife? und die Mimik beider Darsteller während der Konversation. 10/10
Vor ein paar Tagen hatte ich noch zwei hervorragende Filme auf DVD gesehen, von denen ich schon vor dem Kauf ahnte, dass sie mir gefallen werden. Zum einen ist das Woody Allens Crimes and Misdemeanors; hier war es klar, weil mir bisher jeder seiner ca. 20 Filme zugesagt hat, die ich bisher gesehen habe. Zum anderen: Grand Hotel von Edmund Goulding aus dem Jahr 1931; Hollywoodkino aus der Blütezeit des Studiosystems, mit all seinem Glamour und Prunk, für das ich auch eine Schwäche habe (besonders für Lubitsch und Preston Sturges). Bei diesem Film ging man zur damaligen Zeit ein hohes Risiko ein, da man mehrere Stars auf einmal verpflichtete, hätte man doch sonst zur selben Zeit 5 weitere Filme mit je einem Kassengarant produzieren können, anstatt bloß einen. Aber es zahlte sich aus, Greta Garbo, John und Lionel Barrymore, Joan Crawford und Wallace Beery in einem Film zu vereinen. Er wurde der größte Hit des Jahres und Oscar Gewinner des Besten Films. Der Film spielt ausschließlich in einem Hotel und erzählt von den Problemen einer alternden Ballerina, eines aristokratischen Gentleman Diebes, eines todkranken Angestellten, eines großen Firmenbosses und deren Sekretärin. Joan Crawford in der Rolle der Sekretärin versprüht ihren Sex lieterweise, aber stilvoll. 9/10
Bei Crimes... geht es wieder um Woodys Lieblingsthemen Beziehungsprobleme und der Überlebenskampf des Künstlers. Es werden zwei Geschichten parallel erzählt, die eine düsterer, die andere heiterer, beide erst am Ende zusammengeführt. Es geht um Betrug, Mord und Schuld auf der einen und Integrität auf der anderen Seite. Am Ende möchte der Zuschauer zum Agnostiker werden, da Allen den Schuldigen nicht bestraft und den Mann mit Prinzipien am Ende allein dastehen lässt. 9/10


LinkBack URL
About LinkBacks
Zitieren
Lesezeichen