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Thema: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

  1. #41
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Der Teufel trägt Prada
    (The Devil wears Prada)
    (USA 2006; Regie: David Frankel)



    Vorgesetzte können einem das Leben zur Hölle machen. Zu Beginn von "Der Teufel trägt Prada" räumt die gesamte Redaktion der Modezeitschrift "Runway" das Büro um, eilig flüchtend vor dem zerstörerischen Auge einer Mode-Zarin, die mit erfolgfixierter Kälte über ihre Untergebenen herrscht. Eigentlich könnte man hier von Übertreibung oder satirischer Überspitzung sprechen, aber ich persönlich habe Situationen miterlebt, in denen die Ankunft von Schirmherren (bzw. Damen) mit dem Vebot der Zunahme von Zigaretten- oder Nahrungskonsum in Zusammenhang stand, zuvor eher legére auf dem Flur herumdrückende Mitarbeiter sich aufgrund der Nachricht ihres Kommens hinter ihren Schreibtischen versteckten und alles technische Equipment noch unter vermeintlicher Lebensgefahr hektisch auf seine Zuverlässigkeit überprüft wurde. Eine eiskalt dreinblickende Chefin mit mehrköpfiger Entourage durchzog für Minuten die Räume und fast jeder schreckte zurück. Doch statt lobender Worte, nur eine gerümpfte Nase, ein schüttelnder Kopf und subtile Stiche gegen alles und jeden.
    Jenseits von "Corporate Identity" und liberaler Arbeitsgestaltung scheint es in vielen Geschäfts- und Arbeitsbereichen das Prinzip vom diktatorischen Riesenunternehmer ohne menschliche Regung noch zu geben. Auch in einer Branche, die sich Freigeistigkeit und Kunst auf die Oberfläche schreibt, in Wirklichkeit aber eher von Etikette und Variation bestimmt ist.
    Obwohl ich "Gender-Theorien" für oberflächlichen Unsinn halte, lokalisiere ich, dass Frauen in höheren Positionen zwar nicht grausamer oder kompromissloser in der Verteidigung ihrer Position vorgehen als Männer, andererseits stelle ich fest, dass bei Frauen immer eine bissigere Ausgestaltung ihrer Position mitschwingt, die vermutlich mit dem Kontext in Zusammenhang steht, dass es Frauen oftmals besser verstehen mit ihren Opfern zu spielen: Sie etwa auf charmante Weise zu umgarnen um in der geeigneten Situation auf sie einzustechen. Wobei ich hiermit betonen möchte, dass sich dieser Eindruck eher aus persönlichen Erfahrungen speist.

    In David Frankels Film werden die eingänglichen Überlegungen über Macht- und Frauenrollen auf sehr effektive Weise sublimiert. Das verdankt der Film dem Spiel der gewohnt brillanten Merryl Streep als Chefin Miranda Priestly, einigen äußerst treffenden visuellen Einfällen von Kameramann Florian Ballhaus (Sohn von Scorsese-Stammkameramann Michael) und einer im besten Sinne Faust'schen Ausgangsidee, in der das unbedarfte Mädchen Andrea Sachs (gespielt von Anne Hathaway) einen Pakt mit der personifizierten Teufelin eigeht. Merryl Streeps stoisches Mienenspiel, die nach außen getragene Arroganz hinter der sich eigentlich nur eine ungeschminkte alte Frau verbirgt, trägt dazu bei, dass man die konsequente Unlogik, die Fairnisslosigkeit der Macht in einem nach außen hin notwendigen Zusammenhang begreift: Die Welt der Mode ist Oberfläche. Keine profane Oberfläche, sondern ein Ausdruck ihrer Selbst. Zweifellos verlässt auch Frankels Film nicht das eng abgesteckte Terrain einer abgegriffenen Erzählung über ein kleines Mädchen, dass ganz nach "Pretty Woman"-Manier zur Frau wird. Andererseits trägt er jene Erzählung so überzeugend vor, dass der Gehalt größer ist als bei vergleichbaren Filmen. Erstaunlicherweise stieß mein Gehirn dieses primär entertainige Großstadt-Märchen nicht ab, weil es dynamisch inszeniert ist und so treffend und authentisch die Modebranche zu analysieren und zugleich zu persiflieren versteht. "Der Teufel trägt Prada" ist eine hochwertige "Vogue"-Strecke und eine leicht verdauliche Selbstfindungsgeschichte in einem. Qualitativ aus dem Gros an Genre-Kollegen herausragend.

    6/10
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.
    Rainer Maria Rilke

  2. #42
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Being John Malkovich
    (Being John Malkovich)
    (USA 1999; Regie: Spike Jonze)



    Die Marionette als seelenloses Instrument äußerer Kräfte ist inzwischen eine verbrauchte Metapher, hinter der sich in den meisten Fällen wohl eher eine gewisse Naivität im Umgang mit erzählerischen Abstraktionen verbirgt.
    Ähnlich steht es um die Idee eines Tunnels, der in den Kopf eines Menschen führt oder um die eines Meta-Films über dessen Drehbuchautor. Ebenso leichtfertig mag einem im Dilemma über eine gescheiterte Beziehung mal die Idee Hoffnung gemacht haben, dass es doch toll wäre wenn jegliche Erinnerung am Partner durch eine Maschine elimiert werden würde. Erstaunlicherweise sind aber die meisterlichen Kaufman-Adaptionen von Spike Jonze ("Being John Malkovich", "Adaption") und Michel Gondry ("Vergiss mein nicht") alles andere als jene selbstzweckhaften Hochglanz-Filme, deren proklamierte Tiefsinnigkeit nur um die Aufmerksamkeit naiver Avantgardisten buhlt.
    Im Zentrum der Drehbücher von Autor Charlie Kaufman stehen zwar Grundideen, die in der modernen Kunst vielleicht angestaubt wirken, im modernen Film aber aufgrund der furiosen Ausgestaltung von Jonze, Gondry & Co. als revolutionär anzusehen sind.

    "Being John Malkovich" ist die erste erfolgreiche Kollaboration zwischen Clip-Pate Spike Jonze und dem introvertieren Schreiberling Charlie Kaufmann gewesen und erschien in jener fast unauffälligen Kino-Umbruchphase, in der es Frösche vom Himmel regnete ("Magnolia") und sich gespaltene oder verstorbene Persönlichkeiten ein Dasein als legitime Filmfiguren erspielten ("The 6th Sense", "Fight Club"). Indessen schuf "Being John Malkovich" jedoch eine vollkommen neue Ebene von abstrakter Kinohandlung. Denn die Tatsache, dass sich hinter einem harmlosen Büroschrank einer halbierten Wolkenkartzer-Etage die Pforte zum Gehirn eines nicht mal fiktiven Schauspielers namens John Malkovich befindet mutet im Film nicht mal ungewöhnlich an. Im Gegenteil: Das Absurde in "Being John Malkovich" bleibt nicht auf seine humoristische Wirkung beschränkt, es dient viel eher der Reflexion über das Gewöhnliche.
    Der Umstand, dass Jonze zugleich nicht den Fehler begeht die Ästhetik seines Films mit wahnwitzigen visuellen Ideen weiter aufzumotzen schafft immer auch einen Kontrast zu den inhaltlichen Absurditäten. So wundert es denn auch nicht, dass hier Kamera und Lichtführung um extreme Zurückhaltung bemüht sind und das Spiel der Akteure niemals auch nur in die Nähe zotiger "Comedy" gelangt. Ganz gleich wie exzentrisch ein philosophierender Puppenspieler und eine tierverrückte Transsexuelle mit nicht vorhandener Stilsicherheit sind, Jonze und Kaufman nehmen sie ernst, denunzieren sie nicht. Am Spiel der Akteure mit den punktgenauen Dialogen lässt sich so ungeheuer viel erahnen, dass auf so seltsame Weise eingängig dramatisch und komisch, so verrückt und doch gewöhnlich zugleich erscheint.
    Der Film ist ein süffisanter Streich, eine Spielerei mit Begriffen und Begriffen von Identitäten, Rollen, Klischees, ein ungeheuer wahrhaftiger Trip in das Unterbewusste und doch die gesamte Spielzeit über ein klares und bewusstes Experiment, dass sich im besten Sinne nach "Film" anfühlt.

    8/10
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
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    Rainer Maria Rilke

  3. #43
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Die Muppets Weihnachtsgeschichte
    (The Muppet Christmas Carol)
    (USA 1992; Regie: Brian Henson)



    Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte ist eigentlich eine harsche Kritik gegen die Industrialisierung, die sich hier im starrsinnig-egoitischen Anti-Helden Ebenither Scrooge personifiziert und einen schroffen Gegensatz zum Prinzip der christlichen Nächstenliebe bildet.
    Die recht originaltreue Umsetzung mit der bunten und ausgeflippten Muppet-Truppe ist eine witzige Revue mit allerlei eingängigen Songs und wunderbar naiven Charme, welche den Geist der Dickens-Vorlage mit allerlei Liebe adäquat einzufangen versteht. Jedes Weihnachten ein wundervoll-nostalgischer Ausflug, der sich keinesfalls objektiv bewerten ließe, deswegen entfällt eine Punktvergabe.

    Bewertung entfällt.
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    Rainer Maria Rilke

  4. #44
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Zum Jahresende/Jahresanfang veröffentliche ich sowohl im Diskussionsbereich, als auch in meinem Filmtagebuch eine Liste aller 2006 gesehenen Filme. Dabei orientiere ich mich ausschließlich an den offiziellen Kinostarts 2006. Das gilt auch für die Filme, die ich im Jahr auf DVD gesehen habe. Hier sind nur jene berücksichtigt die im Jahr 2006 auch im Kino gezeigt wurden. Die DVD-Liste ist jedoch nur eine Auflistung.

    Top
    1. Departed: Unter Feinden

    Der überragendste Film des Jahres. Scorsese schuf erneut ein Meisterwek, dass gängige Genre-Konventionen hinterfragt. Tiefsinniges Charakterdrama, Gesellschaftsanalyse, Gangsterepos und Plot-Thriller. Scorsese spielt in wendungsreicher Manier auf der Klaviatur moderner und klassischer Erzählformen und überschlägt sich dabei vor Souveränität.

    2. Babel

    Iñárritu gelingt nach "Amores Perros" und "21 Gramm" mit "Babel" das dritte Meisterwerk in Folge. "Babel" ist ein erschütterndes und glaubwürdiges Pamphlet für Humanismus und eine ehrfurchterregend brillant inszenierte Analyse der Folgen von Globalisierung und Terrorismus.

    3. Brokeback Mountain

    Das sträflicherweise von der Oscar-Jury übergangene Werk von Ang Lee ist epischer Liebesfilm, Charakterstudie und poetischer Bilderbogen zugleich. Ein Erlebnis von Film.

    4. Das Parfum

    Tom Tykwer bewies mit der Millionen-teueren Umsetzung eines internationalen Bestsellers von Patrick Süskind, dass einem deutschen Regisseur der Spagat zwischen Kunst und Kommerz gelingen kann.

    5. Jarhead

    Der beste Kriegsfilm des neuen Jahrtausends. Abseits von Heldenverklärung oder pathetischen Fahnenbekundungen, ist "Jarhead" bitterböse Analyse moderner Kriegsführung. Zu Unrecht bei der Oscar-Verleihung übergangen.

    6. Children of Men

    Bahnbrechender Sciece-Fiction-Film in erschreckend authentisch anmutender Dokumentarfilm-Ästhetik. Großartig!


    7. The New World

    Zugegeben! Von Terrence Malick hatte man sich nach dem üblich gewordenen Jahrzehnt des Pausierens mehr versprochen, dennoch ist "The New World" immer noch gelungen und ragt aus dem Gros an 08/15-Historien-Produktionen weit heraus. Ein Liebesdrama höchster Poesie.

    8. München

    Steven Spielbergs Moralparabel ist qualitativ in das obere Drittel seines bisherigen Oevres einzuordnen. Der Regisseur zeigt viel Mut und Intelligenz in der Gewichtung des brandheißen Israel-Konflikts, dass die dramaturgischen Schwächen des Drehbuchs weniger schwer ins Gewicht fallen.

    9. Miami Vice

    Anhand der PR vermutet man einen Testoteron-getränkten Action-Reißer und dann das...Michael Mann macht aus seinen 80er-Ikonen melancholische Helden in einem subtil eingefangenen Millieu. Überzeugend!

    10. Flug 93

    Was Stone auf ganzer Linie falsch macht, das macht Paul Greengrass' schmerzliche Rekonstruktion der Flugzeugentführung vom 11. September genau richtig. Der Film versperrt dem Zuschauer die Möglichkeit zur emotionalen Katharsis und zieht eine äußerst erschreckende weil so ungeheuer nüchterne Billanz über den Terrorismus...

    11. Syriana

    Neben "Babel" der intelligenteste Diskurs über die gegenwärtige globale Wirklichkeit. Von unvergleichlich undurchdringbarer Komplexität, die jedoch nicht selten die Figuren zu erdrücken droht.

    12. Marie Antoinette

    Verführerische Pop-Historien-Ballade über die Leiden einer blutjungen und vereinsamten Herrscherin. Den Vergleich mit Coppolas Vorgänger-Meisterstücken hält der Film aufgrund seiner unentschlossenen Haltung nicht stand, dennoch ist "Marie Antoinette" mehr als verdaulicher Teenie-Quatsch.

    Mittelmaß
    13. Das geheime Leben der Worte

    Sensibele und sehr melancholische Ballade über zerstreute Schicksale. Hervorragend gespielt aber letztlich nicht mit genug Verve vorgetragen.

    14. Mission Impossible 3

    Solide inszeniertes Action-Stück mit strunzdoofer Handlung. Dafür aber effektvoll mit wackeliger Kamera und genial-arroganten P.S. Hoffman.

    15. Science of Sleep

    Genie Michel Gondry hätte man mehr zutrauen wollen als diese zwar detail-versessene und liebevoll inszenierte Komödie. Leider aber scheitert sein Film an Gondry's offensichtlicher Interessenlosigkeit für Charaktere und Story. Schade.

    Misslungen

    16. Superman Returns

    Unentschlossene, langatmige und wenig eingängige Comic-Verfilmung, der es nicht gelingt ihre Einfälle in eine einigermaßen gerade Linie zu überführen. Gescheitert.

    17. Black Dahlia

    DePalma's Film verpasst die Chance ein zweiter "L.A. Confidential" zu sein und verkorkst sie als charakterlose Movie-Revue. Überdies ungeheuer fehlbesetzt.

    18. Trennung mit Hindernissen

    Konventionelle Liebes-Story auf TV-Niveau. Ausgezerrte Gags und klischeebesetzte Lebensweisheiten und eine gewohnt schlecht agierende Aniston. "RTL-Eigenproduktion" lässt grüßen.

    19. Stay

    Gescheiterter Mysterie-Thriller, dem es nicht gelingt die suggestive Faszination eines Lynchs zu erlangen. Wenig überzeugende Aneinanderreihung letztlich ineffektiver und artifizieller Bilder.

    20. World Trade Center

    Der ärgerlichste Film des Jahres. Ach! Was sag ich...der letzten 10 Jahre. Oliver Stone lässt keine Klischee-Falle aus und verschenkt die Chance einen "großen Film" über die Katastrophe von 9/11 zu drehen an einer hanebüchenen Sentimentalitäts-Pathos-Pro-Bush-Erklärung auf untersten Soap-Niveau. Der filmische Schandfleck des Jahres und die vorläufige Endstation eines toten Hollywood-Rebellen.


    DVD 2006


    Top
    Caché
    Capote
    Requiem
    Good Night, and Good Luck
    X-Men: Der letzte Widerstand

    Mittelmaß
    Der Teufel trägt Prada
    Couchgeflüster
    Lord of War
    The Hills Have Eyes

    Misslungen
    Kaltes Land
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    Rainer Maria Rilke

  5. #45
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Zeit des Erwachens
    (Awakenings)
    (USA 1990; Regie: Penny Marshall)



    In meiner Kindheit und Jugend war mir "Awakenings" eine wundervoll einfühlsame Parabel auf jene Katatonie, die sich im Angesicht neuer und wiedriger Herausforderungen des Lebens einstellt. Im Zentrum des Films steht der körperlich behinderte und durch seine Krankheit erstarrte Leonard, der für einen kurzen Zeitraum aus seinem Ruhezustand erwacht und auf der anderen Seite der ängstliche Dr. Malcolm Sayer, der zwar nicht auf körperliche, aber auf zwischenmenschliche Weise erfroren zu sein scheint und dem vielleicht auf unbewusste Weise daran gelegen ist jene Lebensstarre durch die Behandlung seines Patienten zu überwinden.

    Es ist nicht schwer zu erraten, dass eine solche Grundsituation, unterlegt mit einer spannenden Erforschung der hier geschilderten Krankheit einiges an Potential birgt. Penny Marshall schafft es jenes Potential richtig zu deuten und weitgehend sensibel auszugestalten. Vor allem das wenig aufdringlich artikulierte Zeitkolorit der 60er-Jahre, der melancholische Grundton und die hervorragende Besetzung (allen voran Robert DeNiro) sind sehr passend, getrübt wird der postive Gesamteindruck jedoch auf erhebliche Weise von einigen nicht minder in's Gewicht fallenden Abrutschern in die Sentiment-Schublade, welche einen süßlichen Nachgeschmack hinterlassen.
    Vielleicht offenbart sich hier auch nur abermals, dass mir emotional geprägte Filme inzwischen schwer fallen abseits des störenden Intellekts zu betrachten, der in Jugendjahren einen dermaßen Herz-betonten Film nicht allzu schnell abstieß. Selbst filmische Schlüsselmomente aus frühen Jahren können da nicht mehr so leichtfertig wiedererweckt werden, obgleich einem der begangene Raum nicht aus der Erinnerung verschwindet um dort Wurzeln zu schlagen.

    6,5/10
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  6. #46
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Die letzte Nacht des Boris Gruschenko
    (Love and Death)
    (Frankreich, USA 1975; Regie: Woody Allen)



    Nachdem er sich als erfolgreicher Gag-Schreiber und Stand-Up-Comedian bewies und bevor er sich Mitte der 70er mit "Der Stadtneurotiker" als ernstzunehmender Portraitist neurotischer Großstädter empfahl, drehte Woody Allen allerhand brillant-absurder Brachial-Komödien, die von Kritikern im Nachhinein nicht verschwiegen aber selten ausreichend gewürdigt wurden. Hier also meine persönliche Ehrerbietung an diese untergeganenen Perlen, kleine Meisterstücke, welche den Vergleich zum hintergründig-intelligenten Humor der Monty Python-Filme nicht zu scheuen brauchen.
    Der Stil von "Die letzte Nacht des Boris Gruschenko" liegt irgendwo in einer seltsamen, humoristischen Grauzone verborgen, gleich neben Allens Lieblings-Tragikern Anton Tschechow (dem hier auf inhaltlicher Ebene ironischer Tribut gezollt wird) und Ingmar Bergman (dessen spröder Ästhetik der Film gelungen nacheifert) und im humoristischen Rahmen von Monty Python, Richard Lester und den Marx Brothers. Hier ist alles auf sehr viel übertriebenere, offensichtlichere und anarchischere Art witzig als in seinen Nachfolgefilmen.
    Davon zeugen z.B. jene Szenen in denen er auf fast schon naive Weise den Krieg persifliert: Close Up's seiner entsetzten Mine mischen sich mit Opern-Musik-unterlegten Totalen von Zerstörung während plötzlich Cheerleader oder Würstchenverkäufer über das Schlachfeld gehen. Mitunter flüchtet Protagonist Gruschenko auch schon mal in ein Kanonenrohr und wird zum Kriegsheld indem er als menschliche Kanonenkugel den gegnerischen Genereal zur Strecke bringt.
    Von derlei "albernen" Ideen wird der Film angetrieben und zugleich durch den stetig aufschimmernden Gedanken der existenziellen Angst vor dem Tod auch noch um mehrere Umdrehungen absurder und paradoxerweise glaubwürdiger zugleich...das kann nur Allen!

    7/10
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  7. #47
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Babel
    (Babel)
    (Mexiko, USA 2006; Regie: Alejandro González Iñárritu)



    Iñárritu's dritte Regiearbeit "Episodenfilm" zu nennen wäre zwar nicht falsch, aber sicherlich nicht angemessen. "Babel" ist ein "Welt"-film. Der vielleicht erste (zumindest vollständig gelungene!) "globale" Film seit Erfindung der bewegten Bilder. Ohne Zweifel: Es gab immer Bestrebungen die Vielfalt und Eigenheit unterschiedlicher Kulturen filmisch zu fassen. Darin scheint jedoch nicht ausschließlich das Motiv der hier entstandenen 146 Minuten zu liegen. Menschen in verschiedenen Kulturen abbilden und das Ganze dann in der Montage zusammzusetzen ist nicht die Besonderheit. Profan gesehen schafft man allein durch das Aneinanderreihen der Bilder und Sequenzen Gemeinsamkeiten. Denn ureigene menschlichen Regungen sind trotz ihrer stärksten Abweichungen an dem Verhalten eines jeden Menschen jedweder Bevölkerungsgruppe zu beobachten und schaffen ein Verständnis für den Begriff "Gemeinsamkeit".

    Das Neue, das Einzigartige an "Babel" ist vielleicht noch nicht mal die Begehung der Kulturen, es ist die Art und Weise wie hier Zusammenhänge und Gegensätze filmisch überspitzt werden. Bei jeder einzelnen hier dargestellten Sequenz haben wir es mit Extremsituationen zu tun. Die Montage indes peitscht einen immerzu in den nächstgelegenen Winkel der Erde um die unausweichlichen Zusammenhänge zwischen den sich bedingenden Ebenen aufzuzeigen.
    "Babel" hascht jedoch nicht um Effekte. Iñárritu scheint die Verflechtung der Ereignisse Anlass für die Darstellung des Unentrinnbaren zu sein, das eine globalisierte und immerzu in Zusammenhang begriffene Welt immer nur erschüttern kann. Das sind dann keine Effekte, sondern sich abstoßende und wieder versöhnenede Einzelbilder, deren Zwischenräume tiefe Wunden schneiden. Andererseits behauptet Iñárritu keine Minute lang eine Alternative. Die Schnitte, die schmerzende Erfahrung des Begriffes "Unterschied" dient ihm nicht als Plattitüde für oberflächliche Gesellschaftskritik. "Babel" soll viel eher die Auswirkungen abbilden, die entstehen, wenn Unterschiede zum Anlass für Pauschalisierung und Oberflächlichkeit werden.

    Da ist dieses orientierungslose, taubstumme Mädchen im modernen "Lost in Translation"-Japan der Konsolen, Farben und Skyscrapers. Und es scheint geradezu die einzig heilende Nische in Iñárritu's Film zu sein. Am Schluss des Films steht sie entkleidet vor dem Panorama einer entindividualisierten High-Tech-Skyline und erwartet die Umarmung ihres Vaters. Die Kamera fährt langsam zurück und gönnt dem Zuschauer einen Fixpunkt der Liebe um im Lichtermeer der Großstadt zu verschwimmen. Iñárritu hat weit mehr als einen Film über die Diskrepanz der Kulturen geschaffen. "Babel" ist auch noch ein Pamphlet für die Hoffnung. Ein Pflichtfilm für alle!

    9,5/10
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  8. #48
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Match Point
    (Match Point)
    (Großbrittanien, USA, Luxembourg 2005; Regie: Woody Allen)



    Als ich im Sommer 2005 "Melinda und Melinda" in einer Wiederaufführung sah, schien mir einer der interessantesten Regisseure des zeitgenössischen Kinos endgültig erschlafft. Der Film spulte vollkommen lieblos die gängigen Woody Allen-Zutaten herunter. Normalerweise störte mich das bei seinen vergangenen Fehlversuchen als erklärter Fan herzlich wenig. Aber "Melinda und Melinda" war eine dermaßen gefällige und leidenschaftslose Spielerei, dass ich mir betrogen vorkam.

    Dann, im Winter 2005, die riesengroße Überraschung. Woody Allen bringt einen neuen Film in die Kinos. Nach seinen hervorragenden "Innenleben" und "Hannah und ihre Schwestern" endlich wieder eine waschechte Tragödie. Nicht in seiner Lieblingsstadt sondern in London spielend und mal ausnahmsweise nicht mit einem Großaufgebot an Superstars besetzt.
    Dann jedoch die noch größere Überraschung: "Match Point" gehört zum Besten was der 70jährige Regisseur und Drehbuchautor jemals inszeniert hat.

    "Match Point" ist in erster Linie ein Sittengemälde über Oppurtunismus und Selbstbetrug. In der Essenz ein Film über das verzweifelte Streben nach Glück. Einem amerikanischen Traum in den Straßen von London jagt Chris Wilton da hinterher und Allen enttarnt sein egoistisches Treiben als oberstes und einziges Prinzip der verwöhnten und oberflächlichen Upper Class, welche die Couch-Garnitur dem expressionistischen Wandgemälde anpasst und gesellschaftliche Versagerinnen wie Nola Rice den Zugang in ihre Reihen verweigert.
    Wilton wiederrum hat jenes Prinzip verstanden: Er jagt keinen idealistischen Träumen einer Tennis-Karriere hinterher wie Nola eine berühmte Schauspielerin werden will. Er ist als irischer Außernseiter, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt am meisten an jene angepasst, die für ihren Reichtum nicht mehr brauchen als in ihr geboren zu werden. Gerade jene Oberflächlichkeit wird von Allen so ungeheuer subtil erfasst und letztendlich so konsequent und pessimistisch ausgestaltet.
    Immer scheint das Archaische aus dem eleganten Schein der chicen Kameraästhetik von Remi Adefarasin hervor zu brechen und letztlich nur das Glück darüber zu entscheiden ob es enttarnt wird.
    Die Affäre zu Nola Rice, in der Wilton sein ungestümes Inneres nach Außen tragen kann um nicht weiter vom rigiden Regelmomplex einer nicht verstandenen Oberklasse eingepfercht zu werden und der Mord, mit dem seine soziale Geburt in jene Oberklasse hinein abgeschlossen scheint, markieren schließlich das dramaturgische Zentrum des Films, dass Allen mit allen Mitteln der filmischen Inszenierungskunst zu akzentuieren versteht.

    Im Grunde ist "Match Point" ein ziemlich bitterer Film. Von vergleichbarer Tiefenschärfe und nüchterner Bosheit wie die besten Filme von Alfred Hotchcock, aber durch seine zahlreichen Verweise auf Kunst und Literatur doch wieder so ungeheuer Allen-typisch (man achte nur auf die Ausstellungsgemälde im Hintergrund oder die offensichtlichen Parallelen zu "Schuld und Sühne"). Besser noch: "Match Point" sieht aus wie ein Allen-Film und entpuppt sich letztendlich als bösartige Persiflage des Meisters auf seine eigenen Motive. Ein böser, ein brillanter Film.

    9/10
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  9. #49
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Ein einfacher Plan
    (A Simple Plan)
    (Frankreich, Großbrittanien, Deutschland, USA, Japan 1998; Regie: Sam Raimi)



    Wenn "Match Point" das europäische Pendant zu einer Crime-Story über einen mordenden Antihelden ist, dann ist die Geschichte um "Ein einfacher Plan" ganz in der amerikanischen Kultur des Midwest verwurzelt. Unterdessen erscheint dem ansonsten harmlosen 08/15-Zuschauer "Mord" vor dem Hintergrund der verweifelten Situation der Protagonisten plötzlich legitim.
    Um die Frage zu beantworten wie ein gewöhnlicher Mensch zum Mörder wird (oder um die Feststellung zu zementieren, dass Mörder immer gewöhnliche Menschen sind) tauchen Allen und Raimi unterschiedlich tief und bringen beide erschreckende Antworten zum Vorschein.

    Mit "Ein einfacher Plan" legte Sam Raimi, vormals berühmt und berüchtigt geworden durch seine effektvollen Splatterfilme, den Beweis vor, dass er sich ebenfalls als Schauspielregisseur versteht.
    Nun handelt aber auch "Ein einfacher Plan" nicht gerade von Themen, die nicht weniger viel mit Mord und Totschlag zu tun haben als seine Vorgängerwerke. Nichtsdestotrotz sind gerade jene Motive nicht der Hauptantrieb seines Werkes. Im Mittelpunkt stehen ausgesprochen komplexe familiäre Beziehungen, die äußerst glaubwürdig weil so ungeheuer reduziert von Raimi einzufangen verstanden werden. Der Film lebt ganz von seiner eingeschneiten Atmosphäre. Gerade die weiße Winterlandschaft bildet einen gelungenen Kontrast zu den düsteren Machenschaften des unfreiwillig mordenden Hank, während der wendungsreiche Plot als Enttarnungs-Vehikel für die Vergangenheit und die Beziehungen der Helden untereinander fungiert. "Ein einfacher Plan" ist kein konventioneller Thriller sondern ein gelungenes und zugegeben nervenaufreibend spannendes Kammerspiel.

    8/10
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  10. #50
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    Re: "Hinter tausend Stäben keine Welt"

    Hannah und ihre Schwestern
    (Hannah and Her Sisters)
    (USA 1986; Regie: Woody Allen)



    "Hannah und ihre Schwestern" gilt unter Kritikern als einer der besten Werke des New Yorker Filmemachers. Meiner Ansicht nach lässt sich der Film als gelungen bezeichnen, zu seinen besten Stücken will ich ihn aber nicht zählen. Das liegt einerseits daran, dass ihm anzusehen ist, dass Allen nicht so recht wusste, worum es ihm eigentlich ging und andererseits hängt es damit zusammen, dass er mir stellenweise recht überfrachtet vorkam. Der Film hat wenig bis gar keine inhaltliche Stringenz. Die einzelnen Episoden verlaufen nicht selten in's Leere um an anderer Stelle wieder neu anzusetzen. Auf nichts scheint Allen ein Hauptaugenmerk zu haben. Dieses "lose" Erzählen, ganz losgelöst von Struktur oder Dramaturgie, ist Allen in seinem Meisterwerk "Ehemänner und Ehefrauen" besser geglückt. Da scheint das ganze Chaos um Beziehungen und Affären inhaltlich legitim, da es an den richtigen Stellen über die bloße Beobachtung der Figuren hinausweist.
    Nichtsdestotrotz ist auch "Hannah und ihre Schwestern" ein hervorragendes Schauspiel-Stück, dass immer noch weit besser ist als jeder x-beliebige Beziehungsfilm eines anderen Regisseurs. Die Episode um die drogensüchtige Holly, die an der passiven Aggression ihrer viel erfolgreicheren Schwestern zugrunde geht gehört zum Besten was der Film zu bieten hat. Auch Michael Caine (für seine Rolle mit dem Oscar geehrt) glänzt hier als schüchterner Liebhaber, während Max von Sydow und Barbara Hershey einfühlsam eine gescheiterte Beziehung analysieren. Woody Allen als einsamer Hypochonder bildet den dämpfenden, etwas komischeren Teil seiner Erzählung.
    Im Grunde ist "Hannah und ihre Schwestern" ein Film über gescheiterte Wünsche und gefährliche Illsionen. So ernüchternd melancholisch, dass es einen ganz benommen zurücklässt.

    7,5/10
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    Rainer Maria Rilke

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