Ich habe folgenden interessanten Artikel im Rheinischen Merkur Online -
http://www.merkur.de gefunden.
Mit freundlichem Gruss von Tobias
(Nr. 01, 02.01.2003)
NEU IM KINO / Bedrohlich leise: das Psychodrama One Hour Photo
Die Kamera sieht alles
Autor: GERNOT GRICKSCH
Anonyme Wahlen, die Unverletzlichkeit der Wohnung, der Datenschutz,
das Arzt-, Anwalts- und Bankgeheimnis das sind Grundpfeiler der freien
Weltordnung. Und doch opfern wir fast alle immer wieder bereitwillig
unseren Anspruch auf Privatsphäre. Denn wenn wir unsere Filme zum
Entwickeln ins Fotolabor bringen, betrachten und bearbeiten wildfremde
Menschen die Intimität unseres Daseins. Sie wissen, wohin wir in
Urlaub fahren, wie es in unseren Häusern aussieht, wer unsere Freunde
sind, wie wir feiern, mit wem wir sprechen, lachen und schweigen. Und
wenn sie über eine gewisse Kombinationsgabe verfügen, dann wissen sie
auch, was wir lieben, wovon wir träumen, wie unser Leben funktioniert.
Sy Parrish (Robin Williams) arbeitet in solch einem Fotolabor. Kein
echtes Labor nur eine abgetrennte Ecke in einem riesigen Supermarkt.
Sy ist ein stiller, in seiner Freundlichkeit fast devoter Mensch. Eine
jener Kreaturen, die man kaum registriert. Und wenn, dann nimmt man
solch ein scheues, kauziges Kerlchen nicht wirklich ernst. Nur
manchmal blitzt ein Hauch von Temperament bei Sy durch etwa dann, wenn
sich der Techniker weigert, die Labormaschine auf eine
Hundertstelsekunde helleres Licht zu justieren. So was macht Sy
wütend. Denn Sy ist ein Perfektionist. Da er selbst keine Freunde,
keine Familie, kein echtes Leben hat, ist er fest entschlossen,
zumindest die Abbilder fremder Existenzen in makelloser Qualität
anzufertigen. Das ist die einzige wirkliche Rechtfertigung seines
Daseins.
Drehbuch- und Regiedebütant Mark Romanek, der bislang nur mit
Musikvideos von sich reden machte, präsentiert mit seinem Kinoerstling
die außergewöhnlich präzise und eindringliche Studie eines Mannes,
dessen Einsamkeit und soziale Inkompetenz schleichend zur krankhaften
Obsession mutieren. Jeden Tag sieht er die Fotos wildfremder Menschen
und weil auf Fotos fast immer gelacht wird, weil man seine Kamera in
den lustigen, feierlichen, ausgelassenen und entspannten Momenten des
Daseins zückt und nicht in den Augenblicken der Trauer, Verzweiflung,
Wut und Angst, erscheint Sy sein eigenes Leben noch erbärmlicher, als
es tatsächlich ist.
Zu Sys Stammkunden zählt die Familie Yorkin Mutter, Vater und
zehnjähriges Kind. Deren Leben scheint, so suggerieren es die Fotos,
ein einziger riesiger Spaß zu sein. Langsam, aber sicher steigert sich
Sy immer mehr in die Wahnvorstellung hinein, er wäre ein Bestandteil
dieser absoluten Idylle. In seinem Kopf wird er zum lieben Onkel Sy,
den alle mögen, der immer gut drauf ist, den das Yorkin-Kind bewundert
und der für deren Eltern der beste aller denkbaren Kumpel ist. Sy wird
zum Voyeur, beobachtet die Yorkins und drängt sich dann erst kaum
spürbar, dann immer vehementer in ihr Leben. Als er herausfinden muss,
dass auch die Yorkins Fehler, Geheimnisse und dunkle Seiten haben,
dreht Sy durch.
One Hour Photo ist kein Thriller, sondern ein psychologisches Drama,
das erst in seinem letzten Drittel elegant und effektiv die Kurve zum
Spannungskino nimmt. Ohne billige dramaturgische Knalleffekte und in
bedrohlich leisem Tonfall schildert Regisseur Romanek den
schleichenden Zerfall seines tragischen Protagonisten.
Ex-Komödienstar Robin Williams, der kürzlich bereits mit dem
paranoiden Thriller Insomnia Schlaflos seinen Abkehrwillen vom
humoristischen Fach demonstrierte, gibt als Sy die vielleicht
eindrucksvollste Vorstellung seiner Karriere. Ohne Manierismen,
sondern mit einer fast anrührenden Zerbrechlichkeit und einer
außergewöhnlichen schauspielerischen Sensibilität schleicht er durch
den Film. Sys mentale Wanderung von ausufernder Phantasie bis zum
beängstigenden Wahnsinn ist kaum spürbar.
Kameramann Jeff Cronenweth (Fight Club) kleidete die Geschichte zudem
in spartanische, kalte und exakt abgezirkelte Bilder, die die
Verlorenheit des fanatischen Fotolaboranten ebenso spürbar machen wie
die traurigen, kargen Klanggemälde des deutschen Filmkomponisten
Reinhold Heil (Lola rennt). Es ist eine ästhetisch, psychologisch und
emotional fast makellose Arbeit. Das Hollywood-Produkt One Hour Photo
ist kaum zu glauben, aber wahr ganz große Filmkunst.
Lesezeichen