Ich bin für Freiheitlichkeit,
aber ich bin gleichzeitig
für Gleichbehandlung
aller Religionen.
Johannes Rau
Hundert Unschuldige
verbrennen wir,
wenn auch nur
ein einziger Schuldiger
sich unter ihnen befindet.
(Ketzerrichter Konrad von Torso)
Eifer für Gott
ist keine Grausamkeit.
(Hieronymus von Strido)
Der Herr und die Seinen
Was – um es mit Jürgen Roth zu sagen – soll der S c h e i s s ?
Dass der Mensch Negatives und Gefahren gern verdrängt, sobald eine zeitlang ausnahmsweise nichts oder nicht viel passiert, ist bekannt. So extrem jedoch, wie hierzulande die blutgetränkte Geschichte der uralten Folter-, Hack- und Schädelspaltgemeinschaft, auch genannt: Christliche Kirche, verharmlost wird, wundert es mich, dass die Staatsanwaltschaft noch nicht eingeschritten ist wegen dringenden Tatverdachts eines § 139 StGB: Belohnung und Billigung von Straftaten. Aber das wäre vielleicht zuviel verlangt in Anbetracht eines Straf- und Staatsrechts, das einen Codex Iuris Canonici als zweite Rechtsordnung zulässt, innerhalb derer pädophile Priester ihrem Hang zum Kinderficken ungestört nachgehen können.
Trotzdem wird er nicht verständlicher, der S c h e i s s , den die Damen und Herren Stoiber, Merkel und andere Repräsentanten eines gewissen politischen Spektrums da absondern gegenüber einem Bundespräsidenten, der „nichts anderes gesagt hat als ein Vierteljahr zuvor das Bundesverfassungsgericht“ (Astrid Hölscher, in: FR vom 05. 01. 04, S. 3); der nur bestätigt hat, dass Verbote von religiösen Symbolen Ländersache sind; der aber darauf hinweist, dass die Religionsgemeinschaften – alle, einerlei ob Christen, Muslime oder sonstige – insoweit gleich behandelt werden müssten. Kruzifixe zuzulassen, aber das Kopftuch zu verbieten, ist ein Gleichheitsverstoß und somit eindeutig verfassungswidrig.
Dass der erklärte Rassist Edmund Stoiber, der die Gefahr, der „Durchmischung und Durchrassung“ der deutschen Gesellschaft früh erkannte und als Abhilfe dafür forderte, das deutsche Volk müsse „homogenisiert“ werden, als wenigstens halbwegs ernstzunehmender Kritiker ausscheidet – egal in welcher Angelegenheit–, steht fest. Aber „was seit Tagen aus den Niederungen der C-Parteien an Anwürfen auf den Bundespräsidenten herniederprasselt“ (Astrid Hölscher, in: FR vom 05. 01. 04, S. 3) muss man allein aufgrund der Vielzahl der Vorwürfe erstaunt und fassungslos registrieren.
Jedenfalls: Als Reaktion auf Johannes Raus Hinweis einen „dauerhaften Schaden“ fürs höchste Staatsamt zu konstatieren und von „Missgriff“ und „unentschuldbarer Entgleisung“ zu sprechen, ist so borniert wie dumm und menschenverachtend noch dazu. Denn was die meisten vergessen und verdrängen: Das Christentum ist keinen Deut besser oder etwa humaner als der Islam, und eine Ungleichbehandlung wäre demnach durch keinen sachlichen Grund zu rechtfertigen. Jede Leugnung ist Geschichtsverfälschung.
Aus aktuellem Grund daher noch einmal zum Mitlesen und –schreiben einige wenige von vielen Beispielen der Erfolgsgeschichte des Christentums, daumenschraubenspannend an vorderster Stelle natürlich die katholische Kirche, getreu dem Motto „Gewalt (ist) [...] Gottesdienst“ (Ulrich Horstmann, „Das Untier“ (1983), S. 21):
- „[...] der Mord an Hypatia, der letzten großen Philosophin des Neuplatonismus“ (Hans Dollinger, „Schwarzbuch der Weltgeschichte“ (1973), S. 79), wurde von Christen durchgeführt: „Sie wurde 416 in Alexandrien von christlichen Mönchen hinterrücks überfallen, in die Kirche geschleppt, entkleidet und mit Glasscherben buchstäblich zerfetzt. Der Mord geschah mit Billigung des Bischofs Kyrill von Alexandrien, der damals auch [...] 40.000 Juden abschlachten ließ.“ (Hans Dollinger, „Schwarzbuch der Weltgeschichte“ (1973), S. 79) [/*:m:c08b3xg8]
- Auch mit Kulturvernichtung hielt man sich nicht zurück: 390 zerstören Christen die „heidnische“ Bibliothek Alexandrias.[/*:m:c08b3xg8]
- Das Christentum verantwortet zehn Kreuzzüge in 200 Jahren (von 1095 bis 1291). Allein der Sturm auf Jerusalem im ersten Kreuzzug im Jahre 1099 kostete 10.000 Sarazenen das Leben: „Nachdem die Unsrigen die Heiden endlich zu Boden geschlagen hatten, ergriffen sie im Tempel eine große Zahl Männer und Frauen und töteten oder ließen leben, wie es ihnen gut schien. [...] Niemand hat jemals von einem ähnlichen Blutbad unter dem heidnischen Volk gehört oder es gesehen. Scheiterhaufen gab es wie Ecksteine, und niemand ausser Gott kennt ihre Zahl.“ (Unbekannter Chronist, zit nach Régine Pernoud, „Die Kreuzzüge in Augenzeugenberichten“ (1977), S. 101 f) Bilanz lediglich des ersten Kreuzzugs: 50.000 ermordete Mohammedaner und Juden.[/*:m:c08b3xg8]
- Osteuropäische Völker wurden gewaltsam christianisiert, so die elbslawischen Völker der Wenden und Sorben um 1000, Livland vom 12. bis zum 14. Jahrhundert, Litauen um 1430.[/*:m:c08b3xg8]
- „Dem gleichen Blutrausch verfiel das christliche Untier regelmäßig auch im eigenen Land, wenn es um die Bewahrung der reinen Lehre ging.“ (Ulrich Horstmann, „Das Untier“ (1983), S. 21) „...sogar königliche Ritter zogen nach Süden in die Languedoc, gegen den Albigenserführer Vicomte von Béziers Raymond Bérenger. Als die Stadt Béziers die Auslieferung aller Ketzer ablehnte, stürmten die Katholischen im Juli 1209 mit dem Lied ‚Komm, Heiliger Geist‘ die Stadt und richteten unter den Einwohnern, egal, ob Ketzer oder Katholiken, ein fürchterliches Blutbad an. Der päpstliche Legat Arnaud soll auf die vorhergegangene Frage, ob man die Katholiken in der Stadt verschonen solle, geantwortet haben: ‚Schlagt sie alle tot, der Herr wird die Seinigen schon erkennen! In Béziers wurden 20.000 Männer, Frauen und Kinder [...] niedergemetzelt.“ (Hans Dollinger, „Schwarzbuch der Weltgeschichte“ (1973), 411) [/*:m:c08b3xg8]
- Ab dem 13. Jahrhundert wütete die Inquisition (aktualisiert bekannt als die von Bischof Karl Ratzinger geleitete Heilige Glaubenskongregation im Vatikan). „In den ersten 40 Jahren der Inquisition sollen allein in Sevilla rund 4000 Menschen verbrannt worden sein. [...] Der erste Großinquisitor, Torquemada, (ließ) in den 18 Jahren seiner Tätigkeit mehr als 16.000 Menschen verbrennen.“ (Hans Dollinger, „Schwarzbuch der Weltgeschichte“ (1973), S. 292, 296)[/*:m:c08b3xg8]
- Christoph Kolumbus, vermeintlicher Entdecker Amerikas und erfolgreicher Sklavenhändler, verwies – „wohlvertraut mit der Moraltheologie – immer wieder auf die (durch den Sklavenhandel) zu erzielenden hohen Gewinne, um sehr bald reich zu werden. Denn die Heiden seien ohnehin zu ewiger Verdammnis verurteilt. [...] Kolumbus und seinen Nachfolgern gelang es innerhalb von dreißig Jahren, die Indios auf Haiti-San Domingo von schätzungsweise 200.000 bis 300.000 im Jahr 1492 auf wenige Tausend im Jahr 1520 auszurotten.“ (Hans Dollinger, „Schwarzbuch der Weltgeschichte“ (1973), 228) [/*:m:c08b3xg8]
- Die christlichen Eroberer Südamerikas „ [...] ermordeten in zwölf Jahren über vier Millionen Menschen. [...] Die Insel Hispanola war es, wo die Christen zuerst landeten. [...] Sie drangen unter das Volk, schonten weder Kind noch Greis, weder Schwangere noch Entbundene, rissen ihnen die Leiber auf, und hieben alles in Stücke [...]. Sie wetteten miteinander, wer unter ihnen einen Menschen auf einen Schwertstreich mitten von einander hauen, ihm mit der Pike den Kopf spalten, oder das Eingeweide aus dem Leibe reissen könne. Neugeborene Geschöpfchen rissen sie bei den Füßen von den Brüsten ihrer Mütter, und schleuderten sie mit den Köpfen wider die Felsen. Andere schleppten sie bei den Schultern durch die Straßen, lachten und scherzten dazu, warfen sie endlich ins Wasser und sagten: ‚Da zapple nun, du kleiner schurkischer Körper!‘ [...] Sie machten auch breite Galgen, [...] hingen zu Ehren und zur Verherrlichung des Erlösers und der zwölf Apostel je dreizehn und dreizehn Indianer an jedem derselben, legten dann Holz und Feuer darunter, und verbrannten sie alle lebendig.“ (Bartholomäus de Las Casas, zitiert nach: Hans Dollinger, „Schwarzbuch der Weltgeschichte“ (1973), S. 230)[/*:m:c08b3xg8]
Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der facettenreichen Historie und des den Marquis de Sade als harmlosen Schreiberling dastehenlassenden Einfallsreichtums der katholischen Kirche. Die Aufzählung ließe sich noch sehr viel weiter fortsetzen, und es wäre sicherlich lohnend, listete man sämtliche Verbrechen des Christentums fein säuberlich auf. Indes lässt sich Wolfgang Thierses naiver Behauptung, das Kreuz sei „kein Zeichen der Unterdrückung“ schon jetzt mit Astrid Hölscher entgegnen, dass „die Sarazenen und Indios [...] es anders erlebt (haben)“. Ganz anders. Der realitätsverfremdende S c h e i s s , den die Damen und Herren Politiker da von sich gegeben haben, verhöhnt die unzähligen Opfer, die im Namen des Herrn ermordet wurden.
Deshalb: Die tiefschwarze und äußerst grausame Geschichte des Christentums darf nicht vergessen oder verdrängt oder beschönigt werden! Um Gefahren vorzubeugen, die ihm wie auch dem Islam innewohnen. Denn „der Islam ist gewiss – wie das Christentum – eine besonders widerwärtige Religion, aus beider Heiligen Schriften ließen und lassen sich Rechtfertigungen der übelsten Greueltaten herauslesen.“ (Hermann L Gremliza, in: konkret 11/2002, S. 9) Die Kenntnis des Geschehenen, der Geschichte, vermag vielleicht, uns vor Schlimmerem zu bewahren. Die Augen zu verschließen und organisierten Massenmord zu beschönigen, birgt das Risiko, Fehler zu wiederholen, auf Warnzeichen nicht zu achten und so zukünftig wieder unter dem bereits Gewesenen leiden zu müssen.
Indes gibt es vielleicht einen anderen Weg aus dem Dilemma: vielleicht sollten wir einfach die monotheistischen Religionen abschaffen! Denn „wie sollen wir meditieren, wenn wir alles auf ein höchstes... Individuum beziehen müssen? Denken heisst aufhören zu verehren, heisst sich auflehnen gegen ein Geheimnis, dessen Konkurs man anmeldet [...] Weder Lao-tse noch Buddha berufen sich auf ein identifizierbares Wesen; sie missachten die Winkelzüge des Glaubens und laden uns zum Meditieren ein. Damit diese Meditation sich nicht im Leeren dreht, setzen sie ihr ein Ziel: das Tao oder das Nirwana. Sie hatten eine andere Vorstellung vom Menschen.“ (Emil Michel Cioran, „Dasein als Versuchung“ (1993), S. 189 f.)


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