Ich komme gerade aus dem Kino. Children of Men stand auf dem Programm. Zu Hause schmeiss ich meinen Laptop an und surfe ein wenig durchs Netz, lese einiges nach über den Film, schaue natürlich wie gewohnt auch in das entsprechende Moviemaze Topic. Dort entdecke ich einige Posts, die mich zum Nachdenken anregen. Ein paar von Euch sind ganz offensichtlich starke Skeptiker gegenüber Filmkritiken, das lesen solcher vor dem Filmbesuch wird angeprangert, die Entscheidung einen Film aufgrund von zuvor gelesenen guten Kritiken zu sehen wird gar belächelt. Des weiteren lese ich bei einigen die Angst heraus, sich durch Filmkritiken die eigene Meinung beeinflussen, wenn nicht gar vorwegnehmen zu lassen. All dies bereitet mir ein wenig Kopfzerbrechen. Daher dieses Topic.
Warum schaut Ihr Euch einen bestimmten Film an?
Nun, zunächst gibt es da ein paar, nennen wir sie mal "objektive" Kriterien, die einen ins Kino bewegen. Vielleicht ist es der Regisseur des Films, dessen frühere Arbeiten man bewundert. Oder es spielt der ein oder andere Schauspieler mit, den man ganz großartig findet. Viele schauen sich einen Film an, weil sie das Genre besonders mögen. Oftmals finden wir einen Film wegen seiner Geschichte interessant und das wenige (manchmal auch mehr als wenige) was wir über den Inhalt des Films im Vorfeld wissen, macht uns neugierig, weckt unser Interesse an einem Film. All diese Dinge überschneiden sich jedoch schon ein bisschen mit einem ganz entscheidenden Grund, der uns ins Kino zieht: Die Werbung. Die Vermarktung. Das fängt schon mit den simpelsten Dingen an. Ein gutes Filmposter spricht uns an. Elementarer Teil der Werbung, ganz klar: Ein überzeugender und interessanter Trailer. Wie viele Filme sehen wir uns alljährlich an, weil wir im Kino, im Fernsehen oder im Internet eine Vorschau zu einem Film gesehen haben, die unser Interesse geweckt hat? Darüber hinaus gibts dann noch den ganzen weiteren Rummel, der um neue Filme gemacht wird und der bei Großproduktionen wie Harry Potter oder Herr der Ringe fast schon ins Absurde getrieben wird. Aber auch die kleinen Filme, die deutschen Eigenproduktionen, die kunstvollen Arthouse Filmchen, die asiatischen Leckerbissen, die auf irgendwelchen Festivals gezeigt werden, auch um sie wird, wenn auch nicht in einem solch gigantischen Ausmaß, ein gewisses Brimborium veranstaltet, das im Endeffekt nur dazu dient, einen Film auf unserem ganz persönlichen Radar erscheinen zu lassen und uns ins Kino zu locken. Macht Euch bitte mal bewusst, wie stark uns diese Maschinerie bei jedem Kinobesuch bewusst oder unbewusst beeinflusst. Und jetzt kommt ein ganz entscheidender Punkt: Die Entscheidung, ob wir das Produkt, das wir da angeboten bekommen interessant oder uninteressant finden wird nicht vollständig von uns allein getroffen. Produktionsstudios und Filmverleiher zeigen uns doch ganz gezielt vor allem die Seiten eines Films, die uns am wahrscheinlichsten gefallen werden. Sie ziehen alle Register um uns ihr Produkt schmackhaft zu machen. Sie wollen schließlich an uns verdienen.
So und dann läuft der Film irgendwann an und kurz vor und vor allem nach dem Starttermin erscheinen zahlreiche Kritiken. Menschen, die den Film gesehen haben und sich eine Meinung über ihn gebildet haben, schreiben darüber und veröffentlichen dies. Manche Filme werden in den Himmel gelobt. Andere verrissen. Einige Filme rufen gespaltene Meinungen hervor. Im Vergleich zur "Werbung", und damit mein ich jetzt mal ganz pauschal alle von den Filmverleihern der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Informationen über einen anstehenden Film, haben die Leute, die diese Kritiken schreiben, keinerlei Interesse daran, etwas zu beschönigen, etwas anzupreisen, etwas zu verkaufen. Ihre Meinung ist in gewisser Hinsicht objektiv. Natürlich ist die Kritik eines einzelnen ganz subjektiv, aber gerade in der Summe bildet die Filmkritik doch ein sehr aussagekräftiges Qualitätsurteil über einen Film. Vor allem da heutzutage nicht nur Instanzen wie Rosenbaum oder Ebert, die Sueddeutsche oder die FAZ, der Spiegel oder der Stern ein Monopol auf Meinungsäußerung haben. Gerade durch das Internet kann ein jeder seine eigene Meinung Kund tun. Auch hier steht natürlich jeder einzelne wieder für sich, aber die Summe ist meines Erachtens sehr aussagekräftig. Gerade Internet-Seiten wie Rottentomatoes oder die IMDB sind doch vorzügliche Quellen, um sich schnell einen Überblick über einen gewissen Grundtenor, sowohl von Seiten der anerkannten Filmkritiker, wie auch der ganz "normalen" Zuschauer, der zu einem bestimmten Film herrscht, zu machen. Davon darf man sich nun nicht beeinflussen lassen?
Ich frage mich jetzt ganz ehrlich: Was ist klüger? Seine Entscheidung, einen Film zu sehen oder nicht zusehen von der Werbung oder von Filmkritiken abhängig zu machen? Ich kann diese Frage gleich mal für mich beantworten. Ich selbst stehe unter dem Einfluss beider Dinge. Ich lese mir keineswegs vor jedem geplanten Kinobesuch die zahlreichen Kritiken durch und würde mich auch garantiert nicht allein davon lenken lassen, aber es gibt immer wieder Fälle, in denen mich gute Filmkritiken davon überzeugen, einem Film, der mich bisher nicht so angesprochen hat, doch anzusehen, oder in denen mich Verrisse von einem Film eher abschrecken, obwohl ich ihn ursprünglich interessant fand. Und ich sehe darin überhaupt nichts Verwerfliches.
Unter Filmkritik verstehe ich auch nicht nur das, was eine große Tageszeitung schreibt. Auch das, was wir hier im Forum machen, läuft für mich unter Filmkritik. Wir diskutieren hier doch tagtäglich über Filme, schreiben was uns gefällt, was uns nicht gefällt, sprechen Empfehlungen aus, warnen vor miesen Filmen. Na, also wenn diese ganzen persönlichen Kritiken alle keinen Wert haben und keine Entscheidungsgrundlage für andere sein sollen, einen Film zu sehen, dann ist zumindest die Hälfte von dem was wir hier schreiben doch eigentlich vollkommene Zeitverschwendung. Ähnlich sehe ich es auch mit den Meinungen von Bekannten. Wie oft haben wir uns schon einen Film angesehen, weil er uns von einem Freund empfohlen wurde, haben Filme gemieden, weil alle in unserem Umfeld von ihm enttäuscht waren? Sind das keine Kritiken? Oder zählt das nicht offiziell als Filmkritik, weil sie nicht von Harry Knowles oder einem Journalisten der New York Times stammt?
Kommen wir zum zweiten Punkt, die Angst davor, seine eigene Meinung nicht selbst zu finden, sondern sich dabei von anderen Filmkritiken beeinflussen zu lassen. Das mit der eigenen Meinung ist wirklich eine ganz haarige Sache. Wer von Euch glaubt ernsthaft, seine Meinung wäre ganz allein von ihm selbst und ohne äußerliche Einflüsse gebildet worden? Es steht doch wohl völlig außer Frage, dass wir bei allem, was wir gut oder schlecht finden, von zahlreichen auf uns einwirkenden Dingen beeinflusst werden. Das fängt mit moralischen und gesellschaftlichen Konventionen an und hört mit den von mir oben so ausschweifend behandelten Punkten Werbung und Kritiken auf. Davon ist niemand ausgeschlossen. Interessant ist eben, wie wir mit all diesen Einflüssen umgehen, in welchem Ausmaß wir uns dieser Beeinflussungen bewusst sind. Das Lesen von Filmkritiken vor dem eigenen Kinobesuch ist nur einer von vielen Faktoren, der sich bei der eigenen Meinungsbildung einschleicht und ganz ehrlich: Im Vergleich zu den ganzen anderen Einflüssen sehe ich bei diesem die geringste Gefahr.
Ich möchte hier auch festhalten, dass diese Beeinflussungen meines Erachtens nicht per se negativ zu bewerten sind. Ist es Euch nicht auch schon mal passiert, dass ihr einen Film gesehen habt, der Euch zunächst nicht gefallen hat, den ihr eher mau bewertet hättet und dann irgendwelche Rezensionen gelesen habt, die Eure Meinung geändert hat und zwar deswegen, weil sie Informationen enthielten, die Euch als Grundlage fehlten und unter deren Betrachtung der Film ganz anders erscheint? Das können sozialkritische, geschichtliche oder auch filmhistorische Dinge sein, ganz gleich. Das gleiche Spielchen gibts auch umgekehrt: Man sieht einen Film, der einem ganz gut gefällt. Später erfährt man dann, dass die geschichtlichen Tatsachen oder die politischen Aspekte, die der Film liefert, vollkommen inakkurat sind, was man beim Kinobesuch nicht wusste, weil man sich in der Materie nun mal nicht so auskannte. Oder man bewundert einen Film aufgrund seines genialen und originellen Twists und liest dann in einer Kritik, dass der Kniff in den letzten 100 Jahren Filmgeschichte bereits dutzendfach verwendet wurde und alles andere als originell ist. Gerade renommierte Kritiker haben oftmals einen ganz entschiedenen filmhistorischen und fachlichen Vorsprung gegenüber dem Otto-Normal-Zuschauer. Das ist es ja auch, was sie für den Beruf prädestiniert. Ich hab manchmal den Eindruck, das dies vielen Leuten nicht so klar ist. Die Meinung eines Vollblut-Kritikers wie beispielsweise Roger Ebert ist für die Leser nicht deswegen interessanter als die von Peter Hansen aus Bielefeld, weil der Mann "zufällig" für die Chicago Sun Times schreibt, sondern weil er seit Jahrzehnten beruflich Filme sieht und darüber schreibt und ein ganz anderes Hintergrundwissen besitzt, als die meisten anderen Zuschauer. Er hat quasi eine "Ausbildung" zur Meinungsbildung über Filme. Man muss dessen Meinungen deswegen nicht blind übernehmen, aber zumindest ich sehe sie eher als Bereicherung, denn als Störfaktor.
Zu guter Letzt ein aktuelles Beispiel: Borat. Die Werbetrommel wird kräftig gerührt. Die Filmkritiken überschlagen sich. Die Moviemaze User sind überwiegend begeistert. Ich sehe den Film und finde ihn beschissen. Ist nicht viel mit Beeinflussungen. Was mache ich? Ich lese weiter fleißig Rezensionen, verfolge Diskussionen über den Film, liefere mir selbst angeregte Gespräche mit Bekannten. Führt das dazu, dass ich meine Meinung vollkommen ändere und mich den Lobeshymnen anschließe? Nein. Aber ich entdecke das ein oder andere, was mir bis dato so nicht klar war. Ich differenziere meine Meinung weiter. Ich sammle Informationen und erweitere mein persönliches Spektrum. Der Film gefällt mir anschließend auch nicht oder nur marginal besser, aber irgendwie habe ich das Gefühl, etwas dazu gewonnen zu haben. Und wären die vielen beeinflussenden Faktoren, wie die Werbung und die überragenden Kritiken nicht gewesen, ich hätte mir diesen Film nie und nimmer angesehen und damit das ein oder andere Gespräch über ein kühles Bierchen, das ich im Nachhinein nicht missen wollen würde, nie gehabt.


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ein Kumpel, dessen Filmgeschmack ich kenne.
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