ein hochinteressantes thema, angesiedelt in einer spannenden epoche und besetzt mit wunderbaren schauspielern: engel in amerika von tony kushner, mit al pacino (!), meryl streep, emma thompson, patrick wilson; 6mal jeweils eine stunde auf ARD:
Teile 1 und 2: Freitag, 21.40 Uhr.
Teile 3 und 4: Sonntag, 23.20 Uhr.
Teile 5 und 6: Montag, 22.45 Uhr.
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Gottes beharrliches Schweigen
Von Christian Buß
Die achtziger Jahre gelten als Jahrzehnt zwischen Wettrüsten, Yuppie-Coolness und Aids. Die heute in Deutschland startende US-Mini-Serie "Engel in Amerika" erzählt vom Schicksal schwuler Großstadtmenschen in der Reagan-Ära - und entwirft ein furioses Panorama einer von Angst und Verdrängung bestimmten Zeit.
Aids haben doch nur Schwule. Da kennt sich der ultrakonservative Anwalt Roy Cohn (Al Pacino) aus. Er selbst schlafe zwar mit Männern, das kann er vor dem Arzt, der ihn behandelt, schwerlich leugnen. Aber deshalb sei er noch lange nicht schwul. Oder würde je ein Schwuler am Telefon direkt zu Präsident Ronald Reagan durchgestellt werden? Wohl kaum.
Geld und Macht festigt erstmal jedes Selbstbild, mag es auch noch so konstruiert sein. Als ihn sein Arzt nach der Untersuchung sanft davon zu überzeugen versucht, dass er eben doch an Aids erkrankt sei, droht Cohn mit einer Klage. Leberkrebs, das ist es, was er habe, nichts anderes. Und mit Leberkrebs wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Da landet der rassistische Rechtskonservative dann doch irgendwann auf der Aids-Station - und wirft sich, als es seinen Körper zerreißt, ausgerechnet in die Arme eines schwulen schwarzen Pflegers.
Roy Cohn gab es wirklich. Bekannt geworden ist er in den fünfziger Jahren als rechte Hand des Kommunistenjägers McCarthy, 1986 starb der schwule Schwulenhasser und heimliche Klappensexkonsument an Aids. So wurde er zum Symbol des amerikanischen Selbstbetrugs. In dem Achtziger-Jahre-Sittengemälde "Engel in Amerika" fungiert der sterbende Cohn nun als eine von acht Hauptfiguren, an denen sich Sexualität, Politik, Religion und Moral der Reagan-Ära durchgespielen lassen. Nur große Themen also - die allerdings schmerzlich genau anhand überschaubarer sozialer Situationen verhandelt werden.
Alles ist hier miteinander verbunden, nichts aber wirklich miteinander verschmolzen. Am Anfang der Mini-Serie verwirft ein Rabbi auf einer Beerdigung die Idee von der amerikanischen Gesellschaft als Schmelztiegel. Wie treffend: Die Grabrede als Prolog, und zu Grabe getragen wird der viel beschworene melting pot.
So irren die Protagonisten durchs soziokulturelle Labyrinth der USA und mühen sich vergeblich darum, sich in irgendeinen Sinnzusammenhang zu integrieren. Engel, die ihnen den Weg leuchten könnten, gibt es auch nicht. Nur manchmal steigen die ätherischen Wesen auf die Erde hinab, schimpfen und poltern über das Treiben der Menschen. Gott hat sich längst aus Gottes eigenem Land verabschiedet, jetzt stehen seine Sendboten vor dem theologischen Müllhaufen und sagen: Macht euren Dreck doch selber weg!
"Eine schwule Phantasie über nationale Themen" hat der Autor Tony Kushner sein pulitzerpreisgekröntes Theaterstück genannt, das der TV-Produktion zugrunde liegt. "Engel in Amerika" ist eine Art negative Erweckungsgeschichte, in der punktgenaue zwischenmenschliche Beobachtungen in einer apokalyptischen Travestie aufgehen. Dass den Menschen hier andauernd Gottesboten begegnen, mag auch Atheisten einleuchten: Die Protagonisten nehmen so viel Psychopharmaka und Schmerzmittel ein, da sind Erscheinungen dieser Art nur schlüssig. Wir befinden uns hier in den tiefsten Achtzigern, als es für jedes mentales Wehwehchen ein Pillchen gab.
"Engel"-Darsteller Kirk, Shenkman: Sendboten der Apokalypse
Kushner brachte sein tragikomisches Monumentalwerk 1993 in zwei Teilen auf die Bühne. Der Filmregisseur Mike Nichols ("Die Reifeprüfung") hat sich bei seiner Adaption für den Fernsehsender HBO knapp zehn Jahre später an diese Grundstruktur gehalten und inszenierte das 60 Millionen Dollar teure Zeitgeistpanaroma in zwei Blöcken mit je drei Kapiteln; Dafür gab es zu Recht alle wichtigen Fernsehpreise. Zwei Jahre nach TV-Uraufführung wird "Engel in Amerika" nun endlich auch im deutschen Fernsehen versendet: Die ARD zeigt die sechsstündige Produktion am Freitag, Sonntag und Montag in Doppelfolgen.
Die späte Ausstrahlung (Sonntag muss man bis 1.20 Uhr vor dem Fernseher ausharren) hat natürlich seine Tücken. Die vielen Subplots und personellen Verflechtungen, die sich ineinander auflösenden Rollen und Handlungsebenen entwickeln einen eigentümlichen erzählerischen Sog, der zu nachtschlafender Zeit kaum seine volle Wirkung erzielen kann. Teilweise - und das erfordert vollste Konzentration - übernehmen die Schauspieler mehrere Rollen, was nur konsequent ist, wenn man die Achtziger als Jahrzehnt der Maskeraden, Simulationen und Selbsterfindungen begreift.
Waren die Vereinigten Staaten je zerrissener als in dieser Ära? Unter der Reagan-Administration erlebte der Konservatismus eine neue Hochzeit, während die Schwulen erstmals ("Out Of The Closets") für ihre Belange auf die Straße gingen. Die Republikaner predigten einen starren Optimismus, während Öko-Aktivisten in Anbetracht der Umweltverbrechen verständlicherweise das Ende der Welt nahe sahen.
Darsteller Pacino, Patrick Wilson: Negative Erweckungsgeschichte
Diese Zerrissenheit spiegelt sich in jeder Figur aus "Engel in Amerika" wider. Da ist etwa der schwule liberale Jurist Louis (Ben Shenkman), der sich aus menschlichem Unvermögen von seinem aidskranken Lebenspartner Prior (Justin Kirk) abwendet. Und da ist der republikanische Staatsanwalt Joe (Patrick Wilson), der nachts durch den New Yorker Central Park streift und Männern beim Sex zuguckt, bis er schließlich erkennen muss, dass er schwul ist.
Er, der strenggläubige Mormone, verliebt sich schließlich in den jüdischen Freigeist Louis. Dessen vereinsamter Ex-Freund Prior halluziniert derweil im Schmerzmittelrausch einen deprimierten Engel (Emma Thompson) herbei, mit dem er seinen ersten nicht-gleichgeschlechtlichen Beischlaf vollzieht. Der Engel verkündet dabei grimmig, dass Gott nichts mehr von den Menschen wissen will. Am nächsten Tag zieht der Kranke als Prophet mit schwarzer Kutte aus, um der Welt ihren Untergang anzukündigen. Der "Aids-Verseuchte" als Sendbote der Apokalypse.
So viel sarkastische Maskerade ist nur deshalb zu ertragen, weil dieser Reigen der Verzweifelten voll von klugen Beobachtungen und zärtlichen Zwischentönen ist. Einen schlichten gesellschaftlichen Antagonismus wie etwa in dem Aids-Drama "Philadelphia" sucht man hier vergeblich, die Widersprüchlichkeit der Nation verläuft durch die kleinsten sozialen Einheiten.
Irgendwann kommt zum Beispiel die strenge Mutter des schwulen Mormonen (Meryl Streep) nach New York, um nach dem Rechten zu sehen. Im Laufe der Handlung lernt sie den aidskranken Prior kennen, also den Ex-Geliebten jenes Mannes, mit dem nun ihr Sohn ein Verhältnis hat. Gemeinsam ziehen die biedere Mormonen-Mom und der tuntige Prophet durch die Stadt. "Das ist selbst für das New York der Achtziger befremdlich", heißt es einmal im Film. Aber solche erzählerischen Volten dienen einem höheren Zweck: Amerika mit Amerika zu konfrontieren. Schließlich ist "God's Own Country" nach wie wie vor ein Land, das viel über sich selbst redet - und oft wenig von sich wissen will.
In "Engel in Amerika", dieser "schwulen Phantasie", in der Wachsfiguren zu Leben erwachen und Engel zum Sex auf die Erde hinabsteigen, kommen sie alle zu Wort und müssen einander zuhören: die Gründerväter und Staatsfeinde, die Kommunistenjäger und Drag Queens. Nur Gott schweigt beharrlich.
(Quelle: spiegel-online)


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