Gibt es hier außer mir eigentlich noch andere vehemente Anhänger dessen, was der frühere Vordenker des deutschen Autorenkinos der 60er-Jahre heute macht - seine Fernsehsendungen nämlich?
Für diejenigen, die vielleicht mit dem Namen gar nichts anfangen können:
Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, studierte zunächst Jura (Doktorat 1956), Geschichte und Musik in Frankfurt und Marburg und geriert auf diesem Wege an seinen "Lehrer" und späteren Kollegen, Theodor W. Adorno, an dessen Institut der Sozialforschung er im Rechtswesen mitarbeitete.
In den 60ern dann, begann er sich intensiv mit Filmkunst zu beschäftigen und wurde zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten des Oberhausener Manifests, dessen vielleicht bis heute prägendster früher Film Kluges "Abschied Von Gestern" (1966) war.
(Wer sich umfassend über Kluges Filmschaffen informieren will, kann dies in der "Great Directors"-Datenbank von http://www.sensesofcinema.com tun)
Heute arbeitet er ausschließlich für (oder auch: gegen) das Fernsehen. Im Medienrecht ist festgehalten, daß die großen Sender 10 % ihrer Sendeplätze für Independent-Produktionen freihalten müssen. Kluges Firma (DCTP) sicherte sich einen Teil dieser Plätze 1988 und seitdem läuft (neben vielen anderen Programmen, die unter Kluges Leitung stehen) eine der nachdenklichsten und hintergründigsten Sendungen im deutschen Fernsehen ("News And Stories") nicht etwa auf 3Sat oder ARTE, sondern bei Sat.1.
Zwar sagte eine Persönlichkeit des deutschen Fernsehens über Kluge einmal, er könne die Quote des Senders mit seinen Sendungen binnen einer Minute um locker Zweidrittel "eindampfen", aber die völlige Abgesondertheit seiner Programme gegenüber dem allabendlichen Müll, möchte ich inzwischen nicht mehr missen.
Meine Lieblingssendung von ihm (eben "News And Stories", immer sonntagnachts auf Sat.1) folgt einem Konzept, bei dem Kluge sich mit einem Experten für ein bestimmtes Themengebiet oder (seltener) einer Person des öffentlichen Lebens trifft und mit diesem / dieser einfach mal 45 Minuten lang "erzählt". Es tritt hierbei in der Regel keine hitzige Debatte auf und Kluge (der nie im Bild zu sehen, sondern nur zu hören ist) stellt auch überlicherweise keine Fragen, sondern es ist mehr eine Art Gedankenaustausch zwischen den beiden Personen auf zumeist extrem hohem Niveau.
Kluge spricht mit Wissenschaftlern über Gentechnik und Terraforming, mit Jörg Friedrich über den Bombenkrieg, mit Schlingensief über Wagner-Inszenierungen und das entfesselte Theater oder - wie heute - mit einer Literaturwissenschaftlerin über die Bezüge des legendären Pariser Horrortheaters "Grand Guignol" zum "Theater der Empfindsamkeiten" der Aufklärung und dem der Moderne.
Das Ganze lebt von zuweilen wilden Gedankensprüngen, einer eher geringen Bereitschaft zur Erklärung (was ein sehr exaktes und bereites Mitdenken des Zuschauers erfordert) und einem enormen Interesse seitens Kluge - am ernsthaften Nachdenken und dem, worauf sich seine Gesprächspartner spezialisiert haben.
Alexander Kluge ist - wie Wolfe es so schön ausdrücken würde - das Paradebeispiel für die extremste Form eines deutschen "Kopfmenschen". Ein irrsinnig belesener Philosoph und unermüdlicher Denker (und darin absolut ein geistiges Kind Adornos), dem gedanklich zu folgen es manchmal einiges an Mühe bereitet, der einen aber immer wieder mit seiner genialen Auffassungs- und Assoziationsgabe auf wunderbares Neuland im Wissen und Denken stoßen kann.
Kluge = Fernsehen = Kluge
(in bescheidener Anlehnung an den Ausspruch: Godard = Kino = Godard *s*)
Irgendwelche Fans?


LinkBack URL
About LinkBacks
Zitieren
(wenn ich nur die Stimme z.B. von Christian Brückner höre, dann schaue ich bald jede Sendung an...

Lesezeichen