Heute um 23:20 Uhr war es soweit: Charlotte Roche machte ihren ersten Auftritt im Maintreamfernsehen, um genauer zu sagen bei dem Sender Pro7 mit ihrer eigenen Interviewsendung. Und ich bin wirklich begeistert gewesen, die Frau liebe ich jetzt noch mehr. Mit dem ersten Gast, Anke Engelke, konnte ich bisher nicht soviel anfangen, aber die beiden entwickelten ein sehr interessantes Gespräch über das Verhalten von Schauspielern in den Medien. Tiefgründig hinterfragte Roche alle möglichen Einzelheiten aus der Arbeit von Engelke, privates wurde garnicht angesprochen, es sei denn Engelke wollte freiwillig darüber erzählen. Wer hat die Sendung noch zufällig gesehen?
Ich werde mir sie auf jeden Fall ab jetzt immer ansehen, denn imo bereitet Roche sich auf ihre Interviews immer brilliant vor, nimmt kein Blatt vor dem Mund und sieht einfach klasse aus. Der nächste Gast macht mich dann auch nur ein kleines bißchen neugierig: QUENTIN TARANTINO! Ich hoffe das Gespräch wurde aufgezeichnet als "Kill Bill" schon hier lief, bzw. Roche den schon gesehen hatte. Aber wer weiß, vielleicht reden die ja nur über Musik - und davon hat Tarantino ja ebenfalls eine Menge Ahnung. (und einen wunderbaren Geschmack!) Habe gerade auf der offiziellen Seite noch gelesen das nach Tarantino Uma Thurman zu Gast war, wie göttlich wird diese Sendung bitte!!!
Hier noch der gestrigte Artikel aus der 'Süddeutschen Zeitung' zu "Charlotte Roche trifft...":
Die Stunde der Schwester
Charlotte Roche testet den Mainstream – bei Pro Sieben
Es gibt Momente, da würde man sehr gern mal seinen Fernsehapparat anschreien. Aber es geht nicht. Da kommt kein Schrei. Und so sitzt man bloß wieder wie gelähmt da, still verzweifelt, wenn sich in einer der zahlreichen Gesprächsrunden Prominente entblößen oder entblößt werden. Von einem Moderator, der abwechselnd lieb tut und weh tut – wie eine Krankenschwester, die einem bettlägerigen Patienten Tee verabreicht, und in jeder neuen Tasse ist ein bisschen mehr Gift drin, und jedes Mal sagt die Krankenschwester Talk-Show voll Mitgefühl: „Oh weh, ich sehe, Ihnen geht es ja gar nicht gut. Sie müssen mehr Tee trinken!“
Die potentiellen Fernseh-Anschreier unter uns können aufatmen: Es gibt eine neue, vielleicht nettere Schwester im Plauder-Krankenhaus – eine Vertreterin alternativer Heilmethoden. Heute abend zeigt Pro Sieben die erste Ausgabe von Charlotte Roche trifft . . . Es ist eine Premiere für die 25-jährige Viva-Moderatorin, die austesten will, ob das Mainstream-Publikum bereit ist für ihren Chaos-Witz und ihr wildes Temperament – und es ist eine Premiere für Pro Sieben, das erste reine Interview-Format im Programm des Senders. Wenn man Charlotte Roche nach dem Konzept fragt, sagt sie: „Ein Gast, eine Stunde lang.“ Wenn man der Pressestelle von Pro Sieben dieselbe Frage stellt, kommt die Antwort: „Das Konzept ist Charlotte.“
Beides ist wohl richtig. Der erste Gast jedenfalls heißt Anke Engelke, die etwas premierenfiebersenkendes an sich haben muss, weil sie – ein Fall von Frauen-Solidarität? – auch beim Einstand von Sandra Maischberger und Barbara Schöneberger mit sich talken ließ.
„Mit Anke war es sehr ernst und sehr tiefgründig“, sagt Charlotte Roche. „Wir saßen ganz nah aneinander und redeten ganz leise, und es knistert die ganze Zeit.“ Zwei gute Schwestern eben. Außerdem auf der Gästeliste: Quentin Tarantino, Kylie Minogue, Die Ärzte. Abgesagt haben Bruce Willis und Will Smith, worüber Charlotte Roche ein wenig traurig ist, was aber nicht wirklich schlimm ist. Im Grunde hat die Pressestelle Recht: Die Moderatorin ist Programm genug.
Charlotte Roche, 1978 in Wimbledon geboren und in Mönchengladbach aufgewachsen, durchlebte nach eigener Aussage die „längste und schlimmste Pubertät der Welt“: Sie aß auf dem Nachhauseweg von der Rockdisco Regenwürmer. Sie zapfte sich Blut ab und malte damit expressionistische Bilder. Sie erfand einen Mode-Stil, bei dem Mädchen ihre Periodeflecken stolz zur Schau tragen. Kurzum: Sie schaffte es, sich mit ihrem liberalen Elternhaus so nachhaltig zu verkrachen, dass ihre Mutter drei Jahre nach Roches Versöhnungsangebot nicht bereit war, auch nur ein Wort mit ihr zu sprechen. Wer so lebt, kommt leicht auf die schiefe Bahn oder, was vielleicht auf dasselbe hinausläuft, ins Fernsehen.
Ihre Stunde schlug, als Viva–Chef Dieter Gorny Ende 1998 beschloss, alle gehaltvollen Programmanteile in den Ableger Viva 2 auszulagern, wo dann ungelernte Talente wie Nils Ruf und eben Roche randalieren oder auch moderieren durften, was und wie sie wollten. Piratensender-Anarchie. Die totale Freiheit. Ruf beleidigte in einer Tour Leute – aber, das, was Roche tat, war die größere Provokation: Sie nahm sich, das Publikum und ihre Gäste ernst, sie war neugierig, sie machte Musikjournalismus, wie es ihn so fachkundig im deutschen Fernsehen noch nie geben hatte. Und das in einer Sprache, die zwischen Freistil-Rap und dadaistischer Lyrik oszillierte: „Herzlich willkommen zu Fast Forward, der einzigen Sendung mit Kopierschutz und Waffen-Embargo . . .“
In Zusammenhang mit Ruf und Roche war damals nicht selten von „Kult“ die Rede. Heute ist Ruf verschwunden. Roche gewinnt Preise, wird vom Spiegel als „richtungsweisend“ und von Harald Schmidt als „Queen of German Pop Television“ gerühmt. Und wird nun von Pro Sieben gegen Beckmann ins Rennen geschickt. Gegen Beckmann, den sie nun schrecklich findet: „Fast jede seiner Fragen zielt darauf ab, den Gast zum Weinen zu bringen oder fürchterliche Dinge aus der Kindheit aus ihm herauszuquetschen.“ Wenn die Gäste bei Charlotte trifft . . . Privates erzählen, dann freiwillig. Ach ja? „Boulevard“, sagt Charlotte Roche, „ist für mich verbrannte Erde.“ Aber auch weil sie selbst ein Opfer von dem wurde, was sie „Blutgafferei“ nennt, als vor zwei Jahren ihre Brüder bei einem Autounfall starben.
Charlotte Roche will bei Pro Sieben Charlotte Roche bleiben. Ein Profi werden will sie nicht. „Ich knibbel ja immer mit dem Finger. Das würde Beckmann nie machen. Der hat gelernt: Die Hände müssen auf den Tisch, denn das signalisiert Offenheit.“ (Oliver Fuchs)
Nachtrag: Hier noch ein kurzes Interview mit ihr.
Charlotte Roche trifft . . ., montags 23.20 Uhr, Pro Sieben


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