Was mit Augen zu sehen ist...
...aber ungesehen bleiben soll. Männerphantasien, die Wehrmachtsausstellung und Adornos Gewaltbegriff vor dem Hintergrund von Pasolinis "Salò oder die 120 Tage von Sodom".
Von Klaus Theweleit
Erklärtermaßen sollte "Salò oder die 120 Tage von Sodom" Pasolinis letzter Film sein. Er wollte nicht mehr filmen. Warum? Eine Frage, die unbeantwortet blieb. In Italien war der Film längere Zeit verboten bzw. etwas, das man "unerwünscht" nennt. In Deutschland ist der Film 2003 neu in die Kinos gekommen, nach langer Abwesenheit und einem nur kurzen Durchgang durch deutsche Kinos Ende der siebziger Jahre. Ich habe ihn auch erst 2003 wieder gesehen, als Teil eines Seminars über italienischen Film – Studenten hatten mit einiger Mühe eine Videokopie besorgt.
"Salò" ist ein beinah ungesehener Film; ein Film, der fast nur in Büchern existiert. Und von dort aus in Köpfen geistert, ein unbestatteter Untoter, eine gequälte Seele zwischen den Welten, eine Seele in den Reichen von de Sade und Kurt Cobain; sie treffen sich bei Bill Burroughs und hören Platten von Nirvana und diskutieren die Menschen und ihr Gewaltproblem. Es gibt einiges zu entdecken in diesem Film.
Männerphantasien via Salò
Die rasenden Verkehrungen der Sexualstruktur, die aus Tötungen Befriedigungen erzielen, habe ich im Buch Männerphantasien dargestellt und zu "begreifen" versucht, vornehmlich im zweiten Band. Geschrieben sind dessen Texte 1975/76, fast gleichzeitig mit der Entstehung, dem Schnitt und der Edition von Pasolinis "Salò oder die 120 Tage von Sodom". Als ich 1978 "Salò" im Kino gesehen habe, nur einmal, und dann bis 2003 nicht mehr, habe ich nicht gleich gesehen, begriffen oder erkannt, daß dieser Film genau die Verhaltensweisen im Bild enthält, an deren Beschreibung und "begrifflicher Fassung" ich seit Jahren arbeitete; arbeiten mußte, spätestens seit mir aufgegangen war, daß ein halbwegs aushaltbares Leben im Land der Judenmörder nicht möglich sein würde ohne einen Zugang zu deren spezifischer Gewaltstruktur; ohne eine praktische wie theoretische Arbeit an der Psychostruktur der Elterngeneration, die diese selber so standhaft wie radikal verweigerte, oder besser: anti-radikal. Das schloß eine Bearbeitung eigener Gewaltstrukturen ein, d.h. ein Leben, das nicht so grundsätzlich verschieden wäre von dem der Eltern, ein Leben mit Frau und Kindern also, aber nicht als eins der Wiederholung der elterlichen Familienstrukturen, sondern als eins der möglichsten Abweichung von diesen. Ein Leben, in das hinüberrettbar war die unstreitige Fürsorge, mit der sie sich um einen "gekümmert" hatten (– wieso aber um gewisse andere Menschen gar nicht?).
Was dabei herauskam in Männerphantasien ist sowohl eine Dokumentierung wie eine analytische Beschreibung der Gewaltausübung von Herrschenden, deren spezifische Tötungslust zwar in den deutschen Faschisten der vierziger Jahre sich am eklatantesten zeigte, aber durchaus nicht auf die Protagonisten dieses einen, besonders fürchterlichen Regimes sich beschränkte. Hinter den Taten der faschistischen Vernichter der europäischen Juden wie auch der deutschen Arbeiterbewegung glaubte ich eine historische Universalie zu sehen, entwickelt in bestimmten Männergesellschaften von den alten Griechen an (und vielleicht auch noch anderswo vorher), die eine bestimmte Struktur des männlichen (wie auch des weiblichen) Körpers hervorgebracht haben; eine über mehrere Jahrtausende relativ stabile Psychophysik, die es nahelegte, mit psychoanalytischen Kategorien, besonders aus der Psychoanalyse der Kleinkind-Entwicklung an sie heranzugehen. Erweitert durch bestimmte sozio-philosophische Einsichten französischer Theoretiker, besonders Deleuze, Guattari und Foucault, zur gesellschaftsgenerierenden Kraft bestimmter Körperstrukturen, die auf institutionalisierte Weisen (Schulen, Sport, Fabriken, Gefängnisse, Militär etc.) in den einzelnen Körpern erzeugt worden sind und – heute modifiziert durch diverse neue Technologien – weiter erzeugt werden.
Auf genau diese universelle Struktur zielt Pasolinis Film; was mir, wie gesagt, beim ersten Sehen nur partiell aufging; wahrscheinlich aus den üblichen Konkurrenzgründen unter Arbeitern "gleicher Richtung", die einem so oft den Blick für vernünftige Koalitionen verstellen. In einer Diskussion im Hamburger Institut für Sozialforschung bestritt mir Jan Phillip Reemtsma (wahrscheinlich aus ähnlichen K-Gründen) dezidiert den "Anspruch" auf eine Art universeller Gültigkeit und damit "Anwendbarkeit" der Ergebnisse der Männerphantasien auf andere Gewalt- und Folter-Lust-Vorgänge in der Welt. Er wollte sie auf die deutschen soldatischen Männer der 20er, 30er und 40er Jahre eingeschränkt sehen.
Diese Einschränkung kommt mir inzwischen noch weniger angebracht vor als vor ein paar Jahren. Meiner Meinung nach verstellen sich die Gewaltforscher vom Hamburger Institut damit bis heute einen weiterreichenden Zugang zu den verschiedenen Gewaltvorgängen auf der Welt; ob im Ostfeldzug der deutschen Wehrmachtssoldaten, bei der Beschreibung der Folter in Argentinien, Afrika, im Irak oder in Indonesien. Sie sollten Pasolinis Film noch einmal ansehen; man kann es jetzt wieder; vielleicht helfen ja denkende Bilder, wo Wörter und Theorien an ihre Wahrnehmbarkeitsgrenzen stoßen. Mir blätterte sich Pasolinis Film jetzt auf wie ein überreiches exaktes Theoriekompendium der schrecklichsten Formen von Gewaltausübung durch Herrscherschichten; ein Film, der es fertigbringt, dem Lachen des Folterers ins Gesicht zu sehen und dies Gesicht, die eigene Affiziertheit registrierend, radikal zurückzuweisen.
Da Pasolini, anders als ich, weder auf Studentenbewegung noch auf Frauenbewegung noch auf eine Familie oder einen anderen Lebensverband irgendeine Hoffnung setzte, sondern sie als gleichermaßen bürgerlich-egoistisch abtat, war der Schritt, den er mit "Salò oder die 120 Tage von Sodom" tat, auch einer in eine schwer abwendbare gesellschaftliche Isolierung und Verzweiflung. Er wollte nicht mehr filmen, sagte er; Film war an eine schwer zu erweiternde Grenze des Darstellbaren gestoßen. Er wollte wieder mehr schreiben. Zu gerne wüßte ich, welche Wendung die Produktion Pasolinis in den folgenden Jahren genommen hätte. Nichts zu produzieren wäre ihm unmöglich gewesen, wie für alle Hochenergetiker seiner Art. Wir können davon nichts wissen. Die posthume Publikation seiner im Jahre 1975 schon bestehenden Romanfragmente hilft da nicht viel weiter.
Die Unmöglichkeit der Seriosität
Pasolinis Betonung der "Unmöglichkeit von Seriosität" bei der Darstellung der universellen faschistischen Performance- und Neugeburtsfolter ist von größter Bedeutung. "Seriosität" ist eine Falle, in die bis heute sowohl die universitären Wissenschaften gerannt sind und rennen, wie auch andere Institute, die nichts so sehr wollen, wie "ernst genommen" werden von den "maßgeblichen" Institutionen der Gesellschaft und deren Repräsentanten. Die Selbstkasteiung, die Jan Phillip Reemtsma mit der "Reinigung" der Konzeption der sog. Wehrmachtsausstellung vorgenommen hat, ist ein eindringlicher Beweis. Der Kern der alten Ausstellung – das war der auf den Fotografien deutscher Wehrmachtssoldaten dokumentierte Vorgang des erlaubten, freudespendenden Fotografierens von Mordakten an den "slawischen" Bevölkerungen Polens, Rußlands, des Balkans und an Juden – genau die freudige Inszenierung des Tötens/Fotografierens – wurde getilgt; die Vergrößerungen dieser Fotos wurden aus der Ausstellung entfernt, die Fotos auf ihre originale Kleinbildgröße zurückgebracht, auf der wirklich sehr wenig zu erkennen ist; so funktioniert "Authentizität" gerade nicht! – dafür gibt es eine Inflation gut geprüfter und sicherlich total fehlerloser kommentierender und erklärender Texte, präsentiert in einem Ambiente von klinischem Weiß, das psychisch in die Welt von Waschmittelwerbungen entführt.
Das "höhnische Lachen des Folterers", das Töten als fotogenes Freizeitvergnügen, mit anderen Worten: das Staging von Hinrichtungs-Akten, bevor die Soldaten auf den Auslöser klickten, das die alte Ausstellung gezeigt hatte, hat Reemtsma entfernt: wegen einiger unkorrekter Bildunterschriften, die mit Leichtigkeit zu korrigieren gewesen wären, ohne daß die Glaubwürdigkeit der Ausstellung, die Validität ihres Kernmaterials, im Geringsten gelitten hätte. Genau das, was die Soldaten & ihre Kameras gedacht hatten beim Fotografieren, gedacht und gefühlt, wurde unsichtbar gemacht; die von der alten Ausstellung zur Kenntlichkeit montierte Dokumentation einer dominanten Gefühlslage der deutschen Ostfeldzügler: ihre in Aufführungsform gebrachte Tötungslust. Anstelle dieser visuellen Dokumentation – die jeder Besucher so klar lesen konnte, wie er die Gedanken lesen kann, die ein denkendes Filmbild an ihn heranträgt, sind Texte getreten. Texte, die erwiesenermaßen nur Leute mit bestimmten Prämissen wirklich entziffern können; wissenschaftlich Vorgebildete oder besser: trainierte Menschen. Die dort allerdings nur das vorzufinden pflegen, was sie schon wissen. Aufklärung für Aufgeklärte. Buchstaben für Buchstabendressierte. Eine Beschränkung auf das, was in traditioneller Tauschwertwissenschaft "Seriosität" heißt.
Natürlich hat es eine unseriöse Seite, kleine Fotos zu vergrößern. Harmlose, kleine Urlaubsfotos vom großen Krieg, die der kleine Soldat nach Hause schickte oder nach Hause schicken wollte, bevor er, ganz unvorhergesehen, in die Kriegsgefangenschaft geriet. Fotos, die für die Lieben zu Haus gedacht waren, oder die eigene spätere "Erinnerung", das besinnliche Gelächter am Lagerfeuer des späteren, siegreichen, Friedens. Fotos, nicht für große Ausstellungen gedacht. Für große, kritische Öffentlichkeit. Hannes Heer und seine Ausstellungshelfer hatten genau diesen Schritt in die notwendige Unseriosität unternommen, die Pasolini fordert beim Sichtbarmachen des faschistischen Gewalthorrors. "Seriosität" in diesen Zusammenhängen heißt nur, sich den Selbstschutzmechanismen der Killer-Kasten zu unterwerfen; im Befolgen ihrer Regeln, die sie fürs Öffentliche gemacht haben mit Gesetzescharakter, ohne diesen Gesetzen selbst jemals folgen zu wollen, sobald sie sich im Zustand eigener Machtvollkommenheit wähnen: siehe oben. Was nicht etwa heißt, man könne nach Gutdünken verfahren mit dem faschistischen Material; das Geheimnis liegt darin, daß es seinen Charakter erst offenbart bei genauestem Hinsehen und Hinhören; beim Ernstnehmen seiner Ungeheuerlichkeiten, die man so gern übersehen möchte des eigenen Feier-Abend-Friedens willen.
Teddies Verdikt
Soweit zum Sichtbaren. Zu allem, was man mit den Augen hat sehen können (aber nicht sehen wollen oder sollen) in Pasolinis Salò oder die 120 Tage von Sodom, oder in der ersten Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, oder in den Mordtaten deutscher Polizeikräfte in Polen, wie Goldhagen sie aus den Akten zog (ohne sie zu verstehen), oder in den Alltagstaten guatemaltekischer Foltersoldaten, oder in den hyperkomischen Gefängnis-Aufführungen argentinischer erfinderischer Junta-Offiziere; auf gewesenen griechischen wie irakischen, auf jetzigen türkischen, iranischen oder chinesischen Lagerbühnen. Oder im sanftmütigen Gelächter der stalinschen Gulag-Amateure wie Profis, in den weiten Steppen Ost, alles wahrnehmbar und mit Augen zu sehn, wenn man die Hand wegnimmt von der Wodkaflasche und von der Hose.
Adornos Diktum, daß die psychologische oder psychoanalytische Untersuchung von Auschwitz-Tätern und Auschwitz-Taten von keinerlei Belang sei, weil in den KZs der Komplex der industriellen Massenvernichtung von Menschenleben triumphiert habe, hat nicht nur eine Generation, sondern inzwischen zwei, drei Generationen von Frankfurturisten daran gehindert, überhaupt nur hinzusehen, wenn die Herren des Gelächters ihren Ring betreten. In mindestens fünf Aufsätzen von Adorno-Adepten aus den letzten paar Jahren finde ich die Formulierung, daß Adorno "überzeugend nachgewiesen" habe, daß dem Auschwitz-Gewalt-Komplex nur mit der Formel "industriell organisierte Massenvernichtung" theoretisch beizukommen sei. Womit sie das Gewaltproblem los sind.
Dabei trifft Adornos Formel ja durchaus zu. Es ist niemals falsch, was Adorno beobachtet und hinschreibt. Das ist ja seine ganze Existenzform gewesen, unweigerlich immer Recht zu haben. Er hat nur selten ganz Recht. Woraus dann schnell Unrecht-Haben wird, wenn er seine Einsichten, totalitaristisch zugespitzt, in seine berühmten Verdikte faßt. Aphoristiker sind Diktatoren, ob Adorno oder Karl Kraus (aphoristisch gesagt). Aber es bleibt immer etwas übrig neben dem Verdikt. Hier ist es der Umstand, daß die industrielle Massenvernichtung von Menschen in den Lagern das inszenierte Einzelvergnügen der KZ-Schlächter keineswegs ausschließt. Im Gegenteil, sie ergänzen sich. Denn selbstverständlich kann man nicht jeden Häftling mit einer eigens inszenierten Folter, mit rituellen Prügeln "auf dem Bock", mit Strammstehn bis zum Umfallen, mit Scheibenschießen vom Balkon, mit Elektrodrähten oder Säurebädern oder auch in den ausgeklügelten Versuchsanordnungen der Schädel- oder Sexualforschungs-Labors ins vorgesehene Schattenreich senden, wenn es sich um Millionen Menschen handelt, die dorthin geschickt werden. Mit ausgesuchten Einzelnen aber geht das sehr wohl trotzdem.
Und auch mit Tausenden zur Not, die man an Industrieunternehmen wie Siemens oder die IG Farben vermietete, ihnen aber nicht ausreichend zu essen gab. Welch ein Schauspiel für die Wachmannschaften, jeden Abend wieder die Herde derer, denen das Fleisch von den Knochen fiel, zum Schlafen in ihre Pferche zu treiben; und diesen oder jenen herauszupicken zur Sonderbehandlung. Das ist das Wort, das die Folterer selbst dafür hatten. Es gibt industrielle Massenvernichtung von Menschen und es gibt Sonderbehandlung. Erst die Arbeit und dann das Vergnügen, lautet der deutsche Satz dazu. Manchmal läßt sich auch beides verbinden. Sade wie Pasolini zeigen die "artistisierten" Formen der Sonderbehandlung. Ein Elitevergnügen für Exzellenzen.
Es ist übrigens Raul Hilberg gewesen, gerade jener Autor, der die strukturellen Bedingungen der industriellen Massenvernichtung als erster und am detailliertesten dargestellt hat, der die gleichzeitigen Verfahren der Tötungsvergnügen der Wachmannschaften in den Lagern nicht übersehen hat: "Die SSler inszenierten Scheinhochzeiten und andere Belustigungen in dem Wissen, daß diese Objekte ihrer Unterhaltung bald vergast würden ... Treffend zum Ausdruck kommt ihre Gemütsverfassung in der Geschichte des Hundes Barry, über den ein westdeutsches Gericht etliche Seiten verfaßte. Barry war ein riesiger Bernhardiner, der zuerst in Sobibor, dann in Treblinka auftauchte. Er war darauf abgerichtet worden, Häftlinge auf den Befehl 'Mensch, faß den Hund!' anzufallen" (Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, Berlin 1982). "Gemütsverfassung", ja. Die Spanier des Hernando Cortés hatten eine ganz ähnliche, wenn sie eingepferchte Azteken von ihren hungrigen Hunden zerreißen ließen. Hilberg geht dieser Vergnügungsstruktur nicht psychologisch nach; er beschränkt sich auf die Verwendung des Terms "Sadismus"; aber er dokumentiert diese Formen der "Unterhaltung" nach Aktenlage: "Häftlinge erhielten z. B. von einem Bewacher den Befehl zu anstrengenden Leibesübungen oder mußten eine Kappe oder irgendeinen anderen Gegenstand aufheben, während ein SS-Mann sie zu seinem Gaudium mit einer Kugel aus seinem Gewehr bedachte. Diese Art Übung hieß 'Sport machen'. Im Wesentlichen wurde dies als Mittel angesehen, mit dem sich Wachmannschaften ihre Langeweile vertrieben; wenngleich dieser Praxis in offiziellen Direktiven nicht gerade das Wort geredet wurde, tat man doch kaum etwas, um sie abzustellen."
Hilberg fährt fort: "Die ganze Sadismusproblematik wurde damit auf eine spezielle Variante verkürzt – die sogenannten 'Exzesse'. Im allgemeinen war ein solcher 'Exzeß' durch eine massive Orgie oder sexuelle Abartigkeiten gekennzeichnet ... Als Beispiel wäre etwa Irma Grese zu nennen, Wärterin in Auschwitz, die gutgewachsenen Jüdinnen mit einer Peitsche die Brüste blutig schlug. Ihre Opfer wurden dann zu einer Häftlingsärztin gebracht, die an ihnen eine schmerzhafte Operation vornahm, bei der Irma Grese, die sich mit geröteten Wangen und Schaum vor dem Mund rhytmisch hin und her wiegte, Zuschauerin war. Soweit wir wissen, ging die Lagerverwaltung nie gegen das Treiben der Aufseherin Grese vor." Irma Grese als Beispiel "sexueller Abartigkeit plus Schaulust" dokumentiert beim zurückhaltenden Raul Hilberg. Oder, ebenfalls in Auschwitz, der Oberscharführer Moll: "Moll soll u.a. aus einem frisch eingetroffenen Transport zwanzig der schönsten Frauen ausgesucht haben. Sie mußten sich nackt in einer Reihe aufstellen und ihm als Zielscheiben dienen; einige Frauen wurden mehrmals getroffen, bevor sie starben."
In Pasolinis Film kommen diese Dinge vor; er hat die Berichte gelesen und sie mit de Sades Sodom-Text kombiniert. Mit welchem Recht wollte Adorno die Taten der Auschwitz-Täter auf den bürokratischen Vollzug industriellen Vernichtens beschränkt sehen? Hilberg ist 1961 erschienen; Adorno las blendend Englisch.
Was war es anderes als große Unterhaltung, wenn die Wächter von Theresienstadt jüdische Häftlinge Fußball spielen ließen; Fußball für die Kamera des jüdischen Häftlings Kurt Geron, der sie aufnehmen sollte für den Film Der Führer schenkt den Juden eine Stadt; der sie aufnehmen sollte beim Schwimmen und beim Tanzen, damit alle Welt sähe, wie unverdient human es zuginge in den deutschen Fürsorgelagern? Und dann wurden die Akteure dieser Szenen nach Auschwitz verschickt. Haha. Der Regisseur des Films, der Berliner Kabarettist Kurt Geron, kam selber auch nach Auschwitz. Er wollte es nicht glauben. Er glaubte, er hätte sich freigekauft mit seinem Film. Er flehte auf den Knien am Zug, das könne man doch mit ihm nicht machen. Haha. Hinein mit dem Kerl. Verrät seine eigenen Leute und denkt, er bekommt eine Belohnung. Typisch jüdisch. Aber nicht von aufrechten Deutschen. Keinen solcher Spektakel-Momente ließ die Folterbagage sich entgehen. Die Nazis hatten dafür die Formel vom "inneren Reichsparteitag": erhebende Momente, tief innerlich erlebt, vom Personal des aufsteigenden 1.000jährigen Reiches. Jeder ist ein Künstler, der entschlossen genug seine Herrenrassen-Clubmitgliedschaft in Szene setzt. MOM, Member of Master Race.
Oder wenn es darum ging, jene Frauen Spießruten laufen zu lassen, denen im Krieg "Sex mit Kriegsgefangenen" angehängt wurde; Juli 1941 in Ludwigsburg; ein überlebendes Opfer erinnert sich: "Äckerle hatte auch verschiedene Betriebe antelefoniert, damit sie alle auf der Straße sind, wie bei einem Festzug." Die Interviewerin Katharina Schuler faßt zusammen: "Öffentliche Bloßstellung war im NS-Staat ein häufig angewandtes Mittel, unerwünschtes Verhalten zu sanktionieren. Dem Volk wurde ein Spektakel geboten, Häme und Schadenfreude durften auf offener Straße ausgelebt werden. Das Publikum erlebte sich als Volksgemeinschaft. Zugleich schüchterte man all jene ein, die womöglich geneigt waren, sich ähnlich zu verhalten, wie die Gedemütigten". Während der Rest, d.h. die Mehrheit, sich gehalten sah, es genau zu machen wie die Führer-Exzellenzen. Diese sexualisierte Partizipation an der Folter-Allmacht ihrer Führer ist definitiv die universal-faschistische Form politischer Mitbestimmung; die Häme-Hyänen auf der Straße praktizieren die ihnen genehmigte Form von Demokratie.
In seiner kleinen Schrift Electronic Revolution von 1970 hat William S. Burroughs, offensichtlich in der ausgreifenden Position eines amerikanischen de Sade, die Pasolinischen Szenerien ziemlich exakt vorentworfen; angefangen in möglichen Kopplungen von neuen Medien, Sex und Gewalt. Um gegen den abtötenden Nachrichtenstrom der etablierten Sender tatsächliche politische Sachverhalte anzupeilen, muß man die fixierten Assoziationsreihen der Massenmedien zerschneiden, auf denen allein ihre Kontrolle beruht, sagt Burroughs. Das Beispiel, das er liefert, stammt direkt aus der Welt herrschender politischer "Exzellenzen": "Gestern stürmte Präsident Johnson 26 Meilen nördlich von Saigon in ein Nutten-Appartment und hielt drei Mädchen die Knarre vor." Der Radiohörer horcht auf ...
"Gestern stürmten Kanzler Schröder und Präsident Friedman in Berlin Mitte ..." Na was schon, sie stürmten in das Studio-Appartement von May-Britt Illner und sagten hübsch ihre Verse auf ... So kommt man der Realität von Leadern näher.
Burroughs entwirft eine Schnittfolge, wie derartiges im Kino aussehen könne. Pasolinis "Salò" war noch nicht gedreht; aber was wir hier haben, ist ohne Frage eine amerikanische Version von Sodom/de Sade 1970:
Grimmige Gesichter im Pentagon. Die strategische Luftflotte ist im Anflug auf ihr Ziel ... Nun JETZT ISSES SOWEIT ... Diese Sequenz verschnitten mit Sexszenen und Aufnahmen von einem Todeskandidaten auf dem Weg zur Hinrichtung, Liebespaar im Augenblick des Orgasmus, Atomexplosion ... Der Liebhaber/Todeskandidat ist ein Überlebender der Explosion und von schauderhaften Verbrennungen entstellt. (...) Ein Weißer, der einem Neger mit einem Schweißbrenner die Genitalien abbrennt ... das Licht im Kino geht aus, der Schweißbrenner bleibt in der linken Hälfte der Leinwand sichtbar (...) Ein Junge onaniert vor Sexphotos ... Schnitt auf das Gesicht des Weißen, der dem Neger die Genitalien abbrennt ... Sexphantasien des Jungen ... Der Schwarze sackt zusammen, seine Genitalien sind verkohlt, seine Eingeweide quellen heraus ... der Junge sieht sich gespannt und fasziniert einen Striptease an ... Ein Todeskandidat steht auf der Falltür, die Schlinge um den Hals ... Sexphantasien des Jungen ... "Ich stelle hiermit den Tod dieses Mannes fest" ... der Junge pfeift auf der Straße einem Mädchen nach ... der Körper eines Verurteilten schleudert auf dem elektrischen Stuhl, blaue Flammen züngeln an den Beinen hoch ... Der Junge stellt sich vor, daß er mit einem Mädchen im Bett liegt ... der Verurteilte auf dem elektrischen Stuhl sackt leblos zusammen, Rauchkringel steigen aus der schwarzen Kapuze, Speichel läuft ihm aus dem Mund ... Das Licht im Kino geht an. Ein Flugzeug am Himmel über Hiroshima ... Die Atombombe mit dem schönen Namen "Little Boy" wird ausgeklinkt ... Das Flugzeug, der Pilot, die amerikanische Flagge.
Dieser geschriebenen Kino-Vor-Version von Pasolinis Film läßt Burroughs eine historische Retrospektive folgen, zurück ins Kino der Mayas, kurz bevor die Spanier kamen ins Sodom von Yucatan:
Versuchen wir einmal, aus reiner Sentimentalität, die altmodischen Methoden der Mayas zu rekonstruieren: die Arbeiter, die aus der Reihe tanzen und unerlaubten Gedanken nachhängen, werden unter der Pyramide zu Tode gefoltert ... einem jungen Arbeiter sind starke Halluzinogene und sexuelle Stimuli verabreicht worden ... nackt wird er festgeschnallt und bei lebendigem Leib gehäutet ... aus dem unvordenklichen Filz der Zeiten tauchen die dunklen Gottheiten des Leidens auf ... da steht der Vogel Ouab, kreischt und leckt sich seine blauen Augen ... andre, die von der Hüfte aufwärts Krebse sind, schnappen in wilder Ekstase mit ihren Scheren, tanzen um den enthäuteten Mann herum und äffen seine Zuckungen nach ... die Schreiber fertigen Zeichnungen an und halten alle Einzelheiten fest ... nun wird er in einer kupfernen Tausendfüßlerform eingeschlossen und vorsichtig auf glühende Kohlen gebettet ... bald werden die Priester mit ihren goldenen Scheren das weiche Fleisch vom Gerippe lösen ... hier ist ein anderer Junge, man hat ihm Honig auf die Augen und auf die Geschlechtsteile geschmiert und ihn auf einem Ameisenhügel an einen Pfahl gebunden ... andere tragen schwere Gewichte auf dem Rücken und werden langsam durch hölzerne Tröge geschleift, die mit messerscharfen Obsidiansplittern gespickt sind ...
Es ist Fiesta, für die Regisseure und Zuschauer der Schmerzfestivals immer; worüber sie manchmal, wenn sie sich zu sicher fühlen, lebensnotwendige Vorkehrungen vergessen ... Zu beschäftigt mit lustbringenderen Tätigkeiten ...: Als die Spanier ankamen, lümmelten sich die Maya-Aristokraten in ihren Hängematten. Nun, es ist an der Zeit, daß wir denen mal zeigen, woher der Wind weht. Fünf gefangene Arbeiter werden ausgezogen und gefesselt, auf einem Baumstumpf kastriert, und die blutenden, heulenden und schreienden Körper werden auf einen Haufen geworfen ... "Und jetzt seht zu, daß ihr das in eure Kaffernschädel reinkriegt: Wir wollen einen Haufen Gold sehen – so hoch – und zwar pronto! Der Weiße Gott hat gesprochen!"
Der Conquistador tritt in sein Zelt, Hand an der Hose ... Natürlich ist Götterdämmerung ... immer wenn eine stärkere Bande neuer Lichtmenschen auftaucht ... produziert von den Universal Studios ... Und alles gut "mit den Augen" zu sehen. Und mit Ohren zu hören: Dem dritten Höllenkreis der Folterungen hat Pasolini an jenen Stellen, wo die Exzellenzen durchs umgedrehte Opernglas auf die Folterungen schauen, die Musik von Carl Orffs "Carmina Burana" einmontiert; auch hierin nichts weniger als exakt: Der Vivaldi-Liebhaber Pasolini hörte Orffs aufgedonnerte Urtümlichkeits-Orgie ohne weiteres als "typisch faschistische Musik" (Interview mit Gideon Bachmann). Die Musik, von der sich manch deutsche Linke mit Seelenschmerz ebenso gern das Herz noch öffnen lassen wie hochgestimmte Staatsaktteilnehmer beim Begehen deutscher Festanlässe.
Daß man Claude Lanzmanns Shoah-Film kennen muß, wenn man Genaues über die Konzentrationslager und die Leiden der inhaftierten und ermordeten Juden erfahren möchte, ist nach und nach (vielleicht) eingesickert in deutsche Köpfe, sogar in die mancher Historiker. Man sollte dazu aber ebenso Pasolinis "Salò oder die 120 Tage von Sodom" in sein Wahrnehmungsrepertoire aufgenommen haben. Jedenfalls wäre das ein relativ unaufwendiger Weg, sich dessen bewußt zu bleiben, worin die Lüste der Herrschaft und des Herrschens von 'Sodom' bis heute tatsächlich bestehen (= man kann die Bibel auch ganz anders aktualisieren als George W. Bush das tut).
(Quelle: konkret 10/03)



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