ich wollte den nachfolgenden text von und über die großartige deutsche schauspielerin hanna schygulla, die demnächst sogar wieder im kino zu sehen sein, eigentlich ins fassbinder-topic posten; nach kurzer überlegung finde ich aber, dass sie als künstlerin eigenständig genug ist, um ihr ein eigenes topic zu widmen. als einstieg daher ein text aus der reihe ich habe einen traum aus der aktuellen zeit:
Ich habe einen Traum
Hanna Schygulla, 61,wurde im oberschlesischen Kattowitz geboren. Berühmt wurde die Schauspielerin durch die Filme Rainer Werner Fassbinders. In dem Film Liebe ist kälter als der Tod spielte sie 1969 ihre erste Hauptrolle. Sie lebt seit 1981 in Paris und ist von dieser Woche an zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder in einem deutschen Film zu sehen: Die blaue Grenze. Hanna Schygulla träumt von einem erträglichen Übergang vom Leben in den Tod
In meiner Jugend gab es ein jähes Erwachen. Ich war 15, als eine Mitschülerin starb. Sie war die Schönste in der Klasse und meine Freundin. Ich war tief geschockt. Bis dahin war der Tod weit weg und unwirklich gewesen. Als ich 18 war, starb eine weitere Schulfreundin.
»Zur frühen Vollendung erwählt« stand auf ihrem Grabstein. Der Satz tröstete mich auch beim Tod meiner Leuchtsterne, die mit doppelter Kraft ins Leben explodiert waren: James Dean, Marilyn Monroe, Jimi Hendrix, Janis Joplin und schließlich Fassbinder. Der Tod war schon sehr früh ein Begleiter in meinem Leben. Später habe ich so manchen bis zum Tod begleitet.
Mein Vater, der nie an etwas glauben konnte, hatte im hohen Alter manchmal Anfälle von Todesangst, und ich, die ich mich auch keiner Religion wirklich zugehörig fühle, wusste nicht, wie ihn trösten. Irgendwann sagte ich zu ihm: »Vati, keiner weiß doch, was danach kommt. Warum stellst du dir nicht einfach das vor, was dir am liebsten wäre? Und vielleicht geht es gerade dadurch in Erfüllung, dass du es dir vorgestellt hast. Mach dir deinen eigenen Film.«
Einen Film gibt es ja auch nur deshalb, weil ihn sich jemand ausgedacht hat. Aber dann existiert er weiter ohne ihn, obwohl etwas von ihm eben auch in diesem Film weiterlebt. Im Jenseits, falls es ein solches gibt, braucht es dann auch keine Filmrollen mehr, weil Materie bedeutungslos wird. Dieser Film kann etwas aus der Vergangenheit weitertragen oder übrig gebliebene Wünsche. Ich sagte zu ihm: »Vati, zum Beispiel, du magst das doch so, wenn du in der Sonne sitzt und du dich in den Strahlen einfach auflöst und im Kopf ein Alles und Nichts ist... Diese Vorstellungen würden wie Filmschleifen im unbegrenzten Raum herumfliegen, und statt ›Ende‹ stünde da ›Endlos‹, verstehst du?«
Ich weiß nicht, ob mein Vater es verstanden hat. Mein Vater hatte mit Film nicht viel am Hut. Meine Mutter schon.
Lange wusste ich nicht, dass ich mit der Schauspielerei einen Traum meiner Mutter verwirklicht habe. Eines Tages, als sie Zeugin wurde, wie ich Tanzschritte für Lili Marleen ausprobierte, gab sie mir dieses Geheimnis preis. Es ist ja so, dass wir in vielem die ungelebten Träume unserer Eltern weiterleben. Wie abgeschossene Pfeile gehen sie durch uns hindurch. Und doch müssen wir erst einmal zu Vater- und Muttermördern werden und uns brutal von ihnen absetzen, bevor wir das gelassen hinnehmen können.
Meine Mutter hatte 1987 einen Schlaganfall. Dann kam ein langer Absturz in die Hilflosigkeit. Bis zu ihrem Tod 1995 kümmerte ich mich mit meinem Vater um sie. Dann wurde auch er allmählich pflegebedürftig. Jahrelang reiste ich so alle drei Wochen von meiner Pariser Bleibe nach Bayern, um ihn zu umsorgen. Bis zu jener Nacht vor zwei Monaten. Er starb mit 96 Jahren.
Jorge Luis Borges sagte: »Stell dir vor, dass das Wachen vielleicht auch nur eine Form des Halbschlafs ist, in der wir träumen, dass wir nicht träumen, und dass der Tod, den wir so fürchten, vieleicht nichts anderes ist als jener kleine Tod von einem Tag zum anderen, den wir Schlaf nennen.«
Mein Vater liebte es mehr und mehr, sich dem Schlaf zu übergeben. Abends wurde daraus folgendes Ritual: Ich helfe ihm beim Entkleiden, und er macht seine Witze dabei, und wir lachen. Dann schüttele ich die Kissen auf, gebe ihm noch ein Bonbon in den Mund und lasse noch mal frische Luft herein. In der Nacht, als der Tod kam, sagte er: »Heute bin ich so müde wie noch nie in meinem Leben. Mach doch bitte das Fenster auf, Hannchen.«
In der Nacht, als meine Mutter starb, die ich trotz oder eben wegen ihrer zunehmenden Bewe- gungslosigkeit oft »mein Vögelchen« nannte, brach auf einmal das heftige Zwitschern der Vögel bei Tagesanbruch los, so, als ginge das Bild, das ich für sie erfunden hatte, in die Wirklichkeit über und ihre Seele hätte in der Gestalt des Vogels ihre Flügel über das Diesseits hinaus gespannt. Die Rollen hatten sich vertauscht, meine Eltern wurden im Alter zu meinen Kindern. Eigene habe ich nie bekommen, sosehr ich es mir wünschte, ein Kind aufwachsen zu sehen, auch wenn es nicht das eigene ist. Als ich mich gerade entschlossen hatte, ein Kind zu adoptieren, erkrankte meine Mutter, und so wurde sie zu meinem Kind.
Nun stehen die Fotos der beiden auf dem Tisch, der meinen Toten gehört, und wenn die Blumen dort anfangen, die Köpfe hängen zu lassen, kappe ich den Stiel und lasse die Blüte in einer Schale weiterschwimmen, bis sie sich noch einmal voll entfaltet hat. Ich möchte, dass der Tod auch mich wie eine verblühende Blume pflückt, um dann in den Wassern des Unendlichen ein letztes Mal ganz aufzugehen.
Vorher aber möchte ich so weit kommen, auch das Alter zu genießen. Egal, wie alt wir sind, durchlaufen wir immer weiter die verschiedensten Altersstufen. Alicia, meine kubanische Freundin und Mitbewohnerin, ist meine größte Verbündete im Rückwärtslauf durch Kindheit und Jugend und die so genannten besten Jahre. Wenn wir uns gemeinsam entsprechend gehen lassen, können wir uns mal wie drei fühlen, mal wie zehn, zwanzig, vierzig, mal wie hundert und mal wie neugeboren.
Wenn mich die Kräfte verlassen, dann wird hoffentlich auch für mich jemand da sein. Vielleicht kommt ja zurück, was du gegeben hast. Aber eilig habe ich es damit nicht, und natürlich habe auch ich Todesangst. Vor Jahren hatte ich einen Todestraum. Ich befinde mich auf einer sehr langen Reise. Aussteigen will ich nicht. Der Fahrer trägt eine Totenmaske. Ich begegne einer Frau, madonnenähnlich, in einem blauen Faltenwurf. Sie fällt von einem hohen Berg herunter, unten kommt sie unversehrt an. Drei Jahre später falle ich selbst tief, nach dem Ende von Dreharbeiten in Ägypten stürze ich von einer Pyramide. Alle Knochen hätte ich mir brechen können. Doch auch ich komme unten unversehrt an.
Und selbst diesen Traum hätte ich wohl gleich darauf wieder vergessen, hätte ich nicht meine »Traumprotokolle« zur Hand, auf Video gebannt. Immer schon war der Traum ein zentrales Thema in meinem Leben. Einige meiner Nachtträume habe ich gleich beim Erwachen aufgeschrieben. 1977, als ein Filmprojekt mit Fassbinder platzte, kaufte ich mir eine Videokamera und lebte die Träume mit offenen Augen vor laufender Kamera noch einmal nach. Fieberhaft befreite ich mich damit von dem Marionettentum der Schauspielerei. Fast zwanzig Jahre lang habe ich meine Eltern bis zum Ende begleitet – beinahe so lange, wie eine Kindheit und Jugend dauert. Jetzt, da beide Eltern hinübergegangen sind, kommt das Leben kurioserweise wieder auf mich zu mit einer Menge neuer Angebote, sowohl für Film- als auch Theaterrollen. Sie kommen von den Jungen, die meine Söhne und Töchter sein könnten. Auch bei ihnen spielt oft der Tod eine unerwartet große Rolle. In dem Drehbuch zu Fatih Akins nächstem Film, Die andere Seite des Lebens, lässt der Tod zweier Men- schen die anderen aus dem Halbschlaf ihrer Gewohnheit erwachen. Vielleicht liegt die Rückkehr dieses Themas daran, dass im goldenen Westen der Tod gewohnheitsmäßig verdrängt wird. Offenbar hat alles seine Zeit.
(Andrea Thilo; Quelle: Die Zeit 48/2005)


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